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English Theatre : Jäger und Gejagte

Sehnsucht nach einem Ausbruch aus der Enge: Szene aus „The Fox”. Bild: Anja Kühn

Zum ersten Mal ist „The Fox“ nach einer Novelle von D.H. Lawrence in Deutschland zu sehen: Ryan McBryde hat das Stück am English Theatre spannungsgeladen inszeniert.

          2 Min.

          Für den Diebstahl der Gans droht dem Fuchs der Tod durch des Jägers Schießgewehr. Doch erst einmal muss der Jäger den schlauen Fuchs stellen, dessen instinktive Handlungen vorausahnen, um ihn zu überlisten. Er muss eins mit dem Fuchs werden. Doch die junge Jill (Emily Pollet) und ihre etwas ältere Partnerin Ellen (Rebecca Reaney) sind keine Jäger.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eigentlich haben sie schon ihre Probleme mit der Versorgung einer kleinen Farm, die sie allein im ländlichen England bewirtschaften. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mangelt es an allem, gerade an Nahrung. Deshalb stürzt es die beiden Frauen, deren Beziehung für allerhand Gesprächsstoff im Dorf sorgt, in existentielle Nöte, dass seit einiger Zeit ein Fuchs regelmäßig ihren Hühnerstall aufsucht. Ellen wird von dem Räuber sogar schon in ihren Träumen heimgesucht, und als sie ihn eines Nachts leibhaftig erblickt, ist sie davon besessen, ihn zu jagen.

          Offensichtliches sexuelles Verlangen

          In diese Situation hinein platzt der junge Soldat Henry (John McKeever), dessen Großvater einst die Farm gehörte. Henry wuchs dort auf, bevor er als Jugendlicher nach Kanada floh, wo er seinen Freiheitsdrang eher ausleben konnte. Während Ellen eher unwirsch auf den unerwarteten Besuch reagiert, ist Jill begeistert und setzt durch, dass der Soldat einige Tage helfender Gast auf der Farm sein darf, bevor er zu seinem Bataillon zurückmuss. Wie sich schon bald zeigt, versteht Henry nicht nur etwas von Landarbeit und Hühnerzucht, sondern er ist auch passionierter Jäger. Die Saison auf der kleinen Farm ist eröffnet, bleibt nur noch zu klären, wer oder was eigentlich gejagt wird.

          „The Fox“, die berühmte Novelle des englischen Schriftstellers D. H. Lawrence, lässt da so manche Interpretation zu, und auch Allan Millers Adaption des Stoffs für die Theaterbühne hat die vielschichtige Symbolik der Vorlage geschickt bewahrt. Der britische Regisseur Ryan McBryde ist für seine sehenswerte Inszenierung des Stücks am English Theatre Frankfurt, wo „The Fox“ nun erstmals in Deutschland zu sehen ist, sogar noch einen Schritt weitergegangen. Er hat Millers Bühnenversion um bedeutsame Traumsequenzen aus der literarischen Vorlage erweitert und rückt damit Ellens innere Kämpfe in den Blickpunkt des Zuschauers. Denn wie der Fuchs Bedrohung ist, so ist er doch auch in seiner gnadenlosen Zielgerichtetheit ein Faszinosum. Und gleich wie Henry auf Ellen bedrohlich wirkt, ist sie doch auch magisch angezogen von ihm. Der Fuchs wird zum Symbol für die menschliche Triebwelt, für ein Verlangen, das die Ratio nicht mehr kontrollieren kann.

          Offensichtlich ist das sexuelle Verlangen Ellens nach Henry, auch wenn sie mit Jill in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu leben scheint. Doch auch die absolute Freiheit, der Henry zum Ende seiner militärischen Dienstzeit entgegensieht, scheint Ellen zu faszinieren, die weit mehr als Jill mit den Konventionen und Geschlechterrollen jener Zeit zu brechen bereit ist. Der Jäger Henry steht für Unbändigkeit, während die Dorfbewohner Stillstand verkörpern. Diesem Immergleichen, der Angst vor dem Fremden, ist auch Jill nie entkommen, weshalb es zwangsläufig in der Katastrophe enden muss, wenn Farmer und Jäger einander in der Enge eines kleinen Farmhauses – von Diego Pitarch in ein sehr stimmiges Bühnenbild eingefügt – zu nahe kommen. Bis dahin ist es ein spannungsgeladener Theaterabend, der wesentlich von den drei vorzüglichen Akteuren getragen wird, die die geniale Vorlage in ein dichtes und faszinierendes Spiel um Verlangen, Macht, Hass und Angst verwandeln.

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