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„Cabaret“ im English Theatre : Das Ende einer wilden Party

Die Hände zum Himmel: Szene aus „Cabaret“ im English Theatre in Frankfurt Bild: Martin Kaufhold

Stets ein Lehrstück: Das English Theatre Frankfurt zeigt den Klassiker „Cabaret“ in einer düsteren Version.

          Es war einmal eine Stadt namens Berlin, in einem Land, das man Deutschland nannte. Und es war das Ende der Welt. So beginnt kein Märchen, sondern mit diesen Worten klingt ein nun schon mehr als fünfzig Jahre alter Musical-Klassiker aus, der auf einmal wieder merkwürdig aktuell wirkt, obwohl er von einer untergegangenen Epoche erzählt: „Cabaret“, jenes Bühnenwerk nach den Berlin-Geschichten Christopher Isherwoods, das mit einem Buch von Joe Masteroff, der Musik von John Kander und den Texten von Fred Ebb ebenso schmissig wie düster vom Show-Girl Sally Bowles erzählt. Das tanzt im Berlin der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre auf dem Vulkan, während das Grollen eines nahenden Ausbruchs schon zu vernehmen ist, der nicht nur die Party im Kit Kat Klub, sondern auch die Weimarer Republik beenden wird.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor dem Hintergrund erstarkender nationalistischer Strömungen in vielen Teilen der Welt und der Wahl von populistischen Figuren wie Donald Trump, Jair Bolsonaro, Viktor Orbán und Matteo Salvini in hohe und höchste Staatsämter, die ihren Erfolg zumindest zu einem gewissen Grad auch der politischen Teilnahmslosigkeit und Instinktlosigkeit des Wahlvolks zu verdanken haben, taugt „Cabaret“ noch stets als Lehrstück, wie nun auch am English Theatre Frankfurt zu sehen ist. Dort hat Tom Littler den im Jahr 1966 erstmals aufgeführten und 1972 verfilmten Klassiker neu inszeniert.

          Was nicht von der Bühne gerollt wird

          Das erste Bild gehört natürlich dem undurchsichtigen Emcee (stark: Greg Castiglioni), der das Publikum auf bewährte Weise zum Amüsement begrüßt: „Willkommen, bienvenue, welcome.“ Doch der Klub wirkt alles andere als mondän, das Cabaret ist eher ein Loch, von Richard G. Jones in ein etwas düsteres Licht gesetzt. Die von Simon Kenny eingerichtete Bühne wird zudem von einem Eisenbahnwaggon, in dem die Band spielt, bestimmt, ein geschickt gewählter Blickfang, der zunächst einmal die wechselnden Schauplätze in Berlin versinnbildlicht, zum Schluss des Stücks aber auch für eine beklemmende Pointe sorgt.

          Da wird der Waggon nämlich von der Bühne gerollt, was nicht nur für Abreise und den Abschied des amerikanischen Schriftstellers Cliff Bradshaw (Ryan Saunders) von Berlin steht, sondern auch auf das Schicksal verweist, das vielen Menschen während der NS-Zeit beschieden war.

          Der Klub als Sprungbrett

          Die zunehmenden Bedrohungen kümmern Sally Bowles (Helen Reuben) aber erst einmal nicht. Die junge Engländerin hofft auf eine Bühnenkarriere, vielleicht sogar ein Engagement beim Film. Ihre Auftritte im Kit Kat Klub sieht sie als Sprungbrett, was allerdings ein aussichtsloses Unterfangen darstellt, wie Reuben in ihrer Interpretation der Rolle bewusst anklingen lässt. Ihre Sally trinkt (zu) viel, kokst und ist alles andere als eine begnadete Sängerin, wie sie beim fast schon verzweifelt gekrähten Titelsong unter Beweis stellt.

          Da, bei Sallys erneutem Engagement im Kit Kat Klub, ist das Fest fürs Leben eigentlich schon vorüber. Die Romanze mit Cliff hat keine Zukunft, nicht nur weil Sally ihrer Karriere zuliebe einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lässt, sondern auch, weil sie nicht mit ihm gemeinsam Deutschland verlassen will. Der Schriftsteller scheint der Einzige zu sein, der bemerkt, wie sich Freizügigkeit in Mitläufertum verwandelt. Dabei ist es exemplarisch am sich als Prostituierte verdingenden, plötzlich aber sich deutschnational gebenden Fräulein Kost (großartig: Lindsay Goodhand) wie auch an Cliffs Vermieterin Fräulein Schneider (Sarah Shelton) zu beobachten. Die ältliche Pensionswirtin sagt ihre geplante Hochzeit mit dem verwitweten Obsthändler Herrn Schultz (Richard Derrington) ab, weil der smarte Ernst (meisterlich: Matt Blaker), der sich als Nazi zu erkennen gibt, ihr im Falle einer Heirat Nachteile androht, ist Herr Schultz doch Jude.

          „Nazis raus!“

          So bleibt am Ende der wilden Party, die das Berliner Nachtleben dem amüsierwilligen Publikum kontinuierlich bietet, jeder für sich allein, aber voll düsterer Ahnungen. Diese Atmosphäre fängt Littlers gerade auch in den Nebenrollen ganz ausgezeichnet besetzte Inszenierung sehr gut ein, wenn sie weniger die flotten Choreographien von Cydney Uffindell-Phillips und die frivolen Darbietungen im Klub zelebriert, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt rückt, die alle an äußeren (politischen) Umständen scheitern.

          Im gelungenen Spiel, dem hier und da etwas mehr Schwung guttäte, geraten sogar die berühmten Songs wie „Mein Herr“ oder „Tomorrow Belongs To Me“ fast zur Nebensache, wenngleich Letzteres so eindrücklich dargeboten wird, dass man geradewegs dem Impuls nachgeben will, seinerseits aufzuspringen und zu brüllen: „Nazis raus!“

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