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B3 Biennale auf der Buchmesse : Eintauchen in andere Welten

Neu abgemischt: Matt Romeins dynamische audiovisuelle Landschaft „analmosh“ verändert sich ständig Bild: © Matt Romein

Die B3 Biennale des bewegten Bildes findet in diesem Jahr erstmals auf der Frankfurter Buchmesse statt. Eine folgerichtige Symbiose.

          Wenn einer liest, stellen sich die Bilder im Kopf ein. Sie verändern sich bei der Lektüre. Bewegen sich. Aber seit der Film das Publikum eroberte und erst recht seit der digitalen Verbreitung realer und imaginärer Wirklichkeiten kann sich kaum noch jemand der auf ihn einströmenden Bilderflut erwehren. Die vorgefertigten Vorstellungen lassen der Phantasie keine Chance – sagen manche. Aber der Sog ist gewaltig. Sich ihm zu entziehen verlangt ein Maß an Askese, das nur noch eine Minderheit sich aufzuerlegen in der Lage scheint.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Dagegen nimmt der Konsum an bewegten Bildern offenbar ständig zu. Im Durchschnitt verbringen die Menschen in Deutschland täglich mehr als fünf Stunden damit, „moving images“ zu betrachten. Allein auf YouTube wird jeden Tag mehr als eine Milliarde Stunden Videomaterial in die Hirne gesaugt. So liegt es in der Logik der Entwicklung von Mediennutzung und Unterhaltungsbedürfnissen, dass die weltgrößte Bücherschau längst auch zu einem Markt der Bildwelten geworden ist. Da ist es nur konsequent, dass sich die Frankfurter Buchmesse dieses Jahr erstmals die B3 Biennale des bewegten Bilds vom 15. bis 20. Oktober in die Messenhallen holt und ihre eigene Plattform „The ARTS+“ mit ihr eine Symbiose eingehen lässt.

          Urbild und Abbild

          „Fokus Realities. Auf der Suche nach der Wirklichkeit“: Der Titel des gemeinsame Projekts deutet schon an, dass es hier um grundlegende Fragen nach Sein und Schein, Urbild und Abbild, Illusion und Realität, virtuellen und realen Situationen geht. Aber auch um neue Techniken, um den Fortschritt von VR vor allem, Virtual Reality also. Im Unterschied zu Trash-Internet und fragwürdigen Netz-Ästhetiken widmet sich die Biennale, die von nun an keine mehr sein wird, sondern alljährlich als Teil der Buchmesse stattfinden soll, anspruchsvollen Ausdrucksformen und reflexiven künstlerischen Positionen. Schließlich steckt die Frankfurter Hochschule für Gestaltung hinter der B3, und der Frankfurter Buchmesse ist bei allen kommerziellen Absichten und seltsamen Marketing-Verrenkungen doch immer noch daran gelegen, eine Kulturveranstaltung zu sein. Dafür spricht auch, dass nunmehr auch der deutsch-französische Fernsehsender „Arte“ mit im Boot ist.

          Aber auch die Biennale des bewegten Bildes verhehlt nicht, dass ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Die Kreativwirtschaft wird angesprochen: Wer mit Kunst, Fernsehen, Film, Netz, Games, virtueller Realität oder Künstlicher Intelligenz beschäftigt ist, soll auf seine Kosten kommen. Es gibt diverse „Module“, mit denen die B3 das Interesse auf sich zieht, darunter den „Parcours“, der Einrichtungen umfasst wie das Bad Homburger Sinclair-Haus und den Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden.

          Die reichen Mexikaner in Amerika

          Ein umfangreiches Filmprogramm wird im Frankfurter Kino „Cinema“ am Roßmarkt gezeigt, mit mehreren Deutschland-Premieren. Etwa von „The Wall of Mexico“, einer Politkomödie, in der die einzige mexikanische Familie in einer Kleinstadt der Vereinigten Staaten zugleich auch die reichste ist. Um die Mitbürger davon abzuhalten, aus ihrem Wasserreservoir zu schöpfen, beschließen die Mexikaner, eine Mauer um ihr Anwesen zu bauen.

          Die sogenannte Leitausstellung der B3 findet jetzt in der Halle 4.1 auf dem Frankfurter Messegelände statt. Virtual Reality steht im Mittelpunkt, etwa 20 Arbeiten sind versammelt, in manche können sich die Besucher komplett versenken, „total immersion“ ist das Stichwort. Fremde Welten, andere Zustände können am eigenen Leib, und zwar am ganzen erfahren werden. Und auch wenn manche das Gefühl haben dürften, hier einem sensorischen Overkill ausgesetzt zu sein, so wird doch immer auch erzählt.

          Der Paradigmenwechsel von der literarischen Großform des Romans hin zu epischen Serien hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung längst vollzogen. Das Handwerk und die Kunst, Geschichten zu erfinden und in überzeugender Weise fortzuspinnen, hat sich in neue Medien verlagert. Immerhin: Das Bedürfnis, sich in Mythen, Fabeln, Erzählung phantastischer oder auch realistischer Art zu verlieren, ist derzeit offenbar so verbreitet wie nie zuvor.

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