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: Eine undiskutable Affäre: "DieZiege oder Wer ist Sylvia?"/Edward Albees neues Stück im Mainzer TIC

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Martin, gerade 50 geworden, hat es geschafft. Soeben hat er die Nachricht vom Pritzker-Preis erhalten, Ehefrau Stevie liebt ihn wie am ersten Tag, und nun soll er für 27 Milliarden Dollar eine Traumstadt in den Weizenfeldern von Kansas errichten.

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          Martin, gerade 50 geworden, hat es geschafft. Soeben hat er die Nachricht vom Pritzker-Preis erhalten, Ehefrau Stevie liebt ihn wie am ersten Tag, und nun soll er für 27 Milliarden Dollar eine Traumstadt in den Weizenfeldern von Kansas errichten. Gut, Sohn Billy übt sich ein wenig in Rebellion, ist "schwul wie die Neunziger", aber schließlich ist man liberal. Nur Martins heimliche Geliebte paßt nicht so recht in das Familienidyll, doch wer ist Sylvia? Das ist der Stoff, aus dem Boulevard-Komödien sind, und gerade so beginnt das neue Stück Edward Albees, das nun am Staatstheater Mainz Premiere hatte. Still war es um den amerikanischen Dramatiker zuletzt geworden, dessen größter Erfolg mit "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" mehr als 40 Jahre zurückliegt.

          Doch mit dem vor vier Jahren in New York uraufgeführten und inzwischen mehrfach preisgekrönten Stück "Die Ziege oder Wer ist Sylvia?" hat er sich eindrucksvoll zurückgemeldet. Dabei beginnt alles als harmloses, leidlich komisches Geplänkel, ein wenig bizarr vielleicht, aber leicht und unbeschwert. Stevie und Martin turteln, wie man so turteln mag nach 20 Jahren Ehe, Martins bester Freund Ross will zur Feier des Tages ein Interview mit dem Stararchitekten, doch der ist einfach nicht bei der Sache. Ross (Michael Schlegelberger), Pragmatiker durch und durch - linke Proll-Masche nennt das sein Freund -, hat für alles Verständnis und kapiert sofort: Blond, Titten, na ja, lacht er fröhlich und kippt einen Schnaps: "Du hast eine Affäre."

          Und von jetzt an hört man es förmlich ticken auf der kleinen Bühne des TIC, scheinen sich feine, aber tiefe Risse über den gläsernen Fußboden auszubreiten, knisternd wie berstendes Eis (Bühne: Frank Hänig), und beinahe glaubt man, die am Rand aufgereihten Flaschen ein erstes Mal klirren zu hören. Bis der mühsam um Worte ringende Martin schließlich zögernd gesteht: Sylvia. Und hier wird das letzte Mal gelacht in dieser als Komödie verkleideten Tragödie: "Du hast ein Problem. Du fickst eine Ziege." Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn ein Problem haben von nun an alle in dem sich von Minute zu Minute dichter, auswegloser, ja, warum nicht, tragischer zeigenden Kammerspiel. Ums "Ficken" geht es im Grunde überhaupt nicht, und um Sodomie zuallerletzt. Um Liebe, um Tabus, um Toleranz und ihre Grenzen dagegen wohl. Frank Hänig setzt in seiner Inszenierung ganz auf die Schauspieler, und in ihren Gesichtern spiegelt sich der Zusammenbruch alles dessen, was eben noch wohlgeordnet schien. Und nichts, rein gar nichts läßt sich dagegen tun. Stevie (Andrea Quirbach) erscheint als die personifizierte Hilflosigkeit angesichts des bodenlosen Lochs, das sich während der Aussprache hinter der konkreten Vorstellung auftut. Hilflos bis zum bitteren Sarkasmus in ihrer Wut und Verzweiflung, wirft sie Flaschen und Martins Plattensammlung an die Wand, daß es kracht und scheppert, und will doch die Wahrheit, die ganze Geschichte hören, bis zum Ende, als gäbe es irgend etwas zu verstehen. Manche Dinge lassen sich nicht "ausdiskutieren", sie lassen sich sagen oder verschweigen.

          Martin Baum als bedingungslos Liebender zwischen zwei Wesen sucht nicht einmal nach einer Erklärung, wohl wissend, daß er zerstört, was sein Glück war. Auch er von entwaffnender Hilflosigkeit. "Ich glaube, wir haben einander umgebracht", wird er schließlich zu Billy (Felix Pielmeier) sagen, und dieser schwache, renitente Sohn, nicht zufällig ein halbes Kind noch, das frag- und bedingungslos liebt, wird in diesem Moment erwachsen. Die Wahrheit aber ist einfach, und es ist Stevie, die sie ausspricht: "Sie hat dich geliebt, sagst du. So sehr geliebt wie ich." Und so ist es kein Triumph, wenn sie Martin schließlich Sylvias blutüberströmten Kadaver vor die Füße legt. Es ist das Ende von allem.

          Christoph Schütte

          Nächste Vorstellungen am 19. März sowie am 2., 11. und 25. April.

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