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Foto-Ausstellung : Schreibend auf der Welt sein

Ilse Aichinger, auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1978 Bild: picture-alliance / dpa

30 Jahre lang hat der Fotograf Stefan Moses die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger begleitet. Eine Foto-Ausstellung im Holzhausenschlößchen zeigt nun den Lebensweg der Autorin.

          War es das Imperial oder das Demel? Ursula Köhler, Lektorin bei S. Fischer, meint das Café im Hotel Imperial vor sich zu sehen. Peter Eschberg, ehemaliger Frankfurter Schauspiel-Intendant und eingeborener Wiener, glaubt es besser zu wissen: Das erste Foto sei im Imperial aufgenommen, die beiden anderen aber im Demel. Wie dem auch sei: Die Schriftstellerin Ilse Aichinger ist noch immer Stammgast, Habituée in den Wiener Kaffeehäusern.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein paar Wochen hier, ein paar Wochen dort, und stets bekritzelt sie die Menükarten, Rätselhefte und was sonst noch Papiernes zur Hand ist. Der Fotograf Stefan Moses hat sie dabei mit der Kamera festgehalten: wie sie nach der Ankunft in ihrem Papiersackerl wühlt, wie sie ihre Ideen notiert und wie sie ihn vor der magischen Aureole einer Lampe anstrahlt – eine Auszeichnung, die von der Dichterin nur selten an Fotografen vergeben wurde, weiß Ursula Köhler.

          Verarbeitung ihres frühen Lebenstraumas

          Ilse Aichinger lächelt und lacht viel auf den Bildern, die jetzt im Holzhausenschlößchen zu sehen sind. Zu ihrem 85. Geburtstag, den sie am 1. November vorigen Jahres feierte, hatte der S. Fischer Verlag „Ein Bilderbuch“ mit den Fotos von Stefan Moses herausgebracht, und die Bayerische Akademie der Schönen Künste in München zeigte in einer Ausstellung 120 seiner Schwarzweißfotografien. Eine Auswahl davon hat Clemens Greve, Geschäftsführer der Frankfurter Bürgerstiftung, jetzt gemeinsam mit dem Frankfurter Verlag, der Bayerischen Akademie und dem Münchner Fotostadtarchiv Stefan Moses für die Frankfurter zusammengestellt. Unter dem Leitwort „Ich glaube an das Verlernen von Dingen als eine Chance“ sind die Porträts der Dichterin jetzt nebst Texten und Büchern im zweiten Stock des Wasserschlösschens zu sehen.

          Als Ilse Aichinger 1993 den „Proustschen Fragebogen“ dieser Zeitung ausfüllte, entgegnete sie auf die Frage „Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?“: „Auf der Welt sein zu können.“ Darauf kommt auch Norbert Beilhartz in dem Film „Die Kinogängerin“ zurück, den er vor zwei Jahren für den SWR drehte und der jetzt in Ausschnitten die Schau kommentiert. Das eigene Leben sinnvoll machen, hatte die Dichterin damit gemeint, und wer ihre Vita kennt, weiß auch, wie schwer es ihr das Leben gemacht hat, ihm so etwas wie Sinn abzuringen. Wer sie nicht kennt, dem half Schauspielerin Carmen Renate Köper zur Eröffnung der Ausstellung auf die Sprünge: mit Prosa und Lyrik aus den wichtigsten Werken wie „Kleist, Moos, Fasane“. In den meisten Texten versucht die Dichterin ihr frühes Lebenstrauma zu verarbeiten: die Deportation und Ermordung ihrer geliebten jüdischen Großmutter.

          Nie konnte sie vergessen, wie sich die Wiener gefreut haben, als ihre Großmutter den Viehwagen besteigen musste. In deren „unverheirateter Küche“ zwischen Kleist-, Moos- und Fasanengasse hatte Ilse Aichinger die glücklichsten Stunden ihres Lebens verbracht. Pfeifende Züge, „Baumränder und Vögel hoch oben“ und der „Geruch der Beeren“, die sie mit ihrer Zwillingsschwester Helga gesammelt hatte, prägen ihre Erinnerung, die auch Wirrnis und Schrecken einzubetten weiß „in die Unaufhörlichkeit des frühen Seins“. Kein Wunder, dass die „halbjüdische“ Dichterin, die ihre Mutter mit knapper Not retten konnte, ihre Mitbürger 1946 zum „Mißtrauen gegen sich selbst“ aufrief, „um vertrauenswürdiger zu werden“.

          Dokumentation einer Entwicklung

          Ilse Aichinger hat überlebt – wie der Ahnherr des Wiener Lieds, das dem Film unterlegt ist, der „liebe Augustin“ in der Pestgrube. 30 Jahre lang hat Stefan Moses sie begleitet. Ganze Serien seiner „fließenden Fotografien“ verknüpfen die Dichterin der siebziger Jahre am Signiertisch oder auf dem Bett in Fötusstellung mit der Frau am Fenster oder im Rollstuhl heute. Ohne Datierung dokumentieren die Bilder dennoch einen Entwicklungsprozess.

          Das erste Wort hat Verleger Gottfried Bermann, der die junge Autorin 1948 entdeckte und ihren ersten und einzigen Roman druckte: „Die größere Hoffnung“. Gleich daneben ist Ilse Aichinger mit ihrer Zwillingsschwester abgebildet, die 1939 mit einem der letzten Kindertransporte nach England ausreisen konnte. Fotos aus dem Familien-Album ergänzen die Sammlung Moses und runden das Dichterleben über den jugendlichen Springinsfeld bis zum Säugling hin ab. Immer wieder lacht Ilse Aichinger: Schreibend ist es ihr gelungen, auf der Welt zu sein.

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