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Ein Jahr am Schauspiel Frankfurt : Yoga und Premierenfeiern

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„Extrem wünschenswert”, „unglaublich gut”: Moritz Pliquet (links), Henriette Blumenau und Gabriel von Zadow. Bild: Bernd Kammerer

Fünf junge Schauspieler und ein Regiestudent verbringen ein Jahr am Schauspiel Frankfurt. Im „Studio“ dürfen sie sich ausprobieren. Die Vorfreude überwiegt die Aufregung.

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          Es lässt sie nicht los, das Theater. Da sitzen zwei junge Schauspielstudenten und ein junger Regisseur und erzählen, wo sie aufgewachsen sind, wie ihnen Frankfurt gefällt, wie sie sich kennenlernten und gleich mochten. Denn so war es, und das sei „extrem wünschenswert“, sagt Gabriel von Zadow, und „unglaublich gut“, ergänzt Henriette Blumenau sofort, und dann lachen alle drei, denn dass sie das nun so gesagt haben, liegt daran, dass sie derzeit gemeinsam an der Produktion „Extrem laut und unglaublich nah“ arbeiten. In den nächsten Monaten dürften noch einige solcher Anspielungen zwischen ihnen hinzukommen.

          Denn Henriette Blumenau, Gabriel von Zadow und Moritz Pliquet sind Stipendiaten des Schauspiels Frankfurt. Das Theater nennt sie „junge Künstlerinnen und Künstler, an die wir glauben“, und die deshalb für ein Jahr, in der Saison 2010 / 11, bleiben dürfen. Im August haben sie angefangen zu proben. Was sie sind, wissen sie selbst nicht genau zu sagen. Eine Mischung aus Studierenden und Jungprofis vielleicht, die kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung stehen oder gerade das Diplom gemacht haben; die zum ersten Mal mehrere Monate an einer großen Bühne arbeiten, lernen und spielen zugleich: „Schauspiel Studio Frankfurt“ heißt das neue Programm. Der Kulturfonds Frankfurt-Rhein-Main gibt das Geld dazu, die Ensemble-Mitglieder ihr Knowhow: Sie erteilen den Nachwuchstalenten Gesangs-, Sprech- und Rollenunterricht. Sogar Yoga wurde ihnen versprochen. Die Vorfreude ist groß.

          Erstaunt von den Frankfurter Türmen

          Fünf Schauspieler und einen Regisseur hat Intendant Oliver Reese für das „Studio“ ausgesucht. Irgendwann – wann genau, wissen sie gar nicht mehr, es könnte im Januar gewesen sein, sagen sie – kam ein Anruf: ob sie nicht zum Vorsprechen ins Schauspiel Frankfurt kommen wollten. Sie wollten, kamen und sprachen – die Schauspieler Monologe, Gabriel von Zadow als Regiestudent erzählte von seiner Arbeit. Warum gerade sie eingeladen wurden, wissen die Sechs auch nicht genau: Ein Professor könnte sie empfohlen, jemand vom Schauspiel eine ihrer Produktionen gesehen haben. Nun jedenfalls sind sie da – und erleben ziemlich viel Neues und Ungewohntes.

          Moritz Pliquet und Gabriel von Zadow haben immerhin nur den Hörsaal gegen die Bühne eingetauscht, nicht aber den Wohnort gewechselt. Die beiden leben schon seit Jahren in Frankfurt; der 24 Jahre alte Moritz Pliquet hat gerade sein Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst abgeschlossen, Gabriel von Zadow ist dort im vierten und letzten Studienjahr. In jedem „Studio“Jahrgang, von denen noch mindestens zwei folgen sollen, sind zwei der sechs Plätze Frankfurter Studenten vorbehalten. Henriette Blumenau, Lisa Stiegler, Benedikt Greiner und Johannes Kühn dagegen sind gerade erst an den Main gezogen. Henriette Blumenau studiert am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Sie ist im Februar zum ersten Mal „durch die Frankfurter Türme geschritten“: „Ich war schon erstaunt.“ Die Dreiundzwanzigjährige freut sich auf die neue, unbekannte Stadt: „Irgendwann fügen sich dann immer mehr Puzzleteile zusammen, man kennt dann vieles.“

          Keine Arroganz, große Offenheit

          Vor allem ihre Mitstipendiaten, die „Bagage“, wie sie sich selbst scherzhaft nennen, machen ihr das Einleben in Frankfurt leichter. „Glück oder gutes Casting“ sei verantwortlich dafür, dass sie alle sich bestens verstünden, sagt Moritz Pliquet. „Alle haben den gleichen Status, das verbindet. Dazu noch mögen wir uns sehr“, bestätigt Gabriel von Zadow, „gerade für mich als Regisseur ist das sehr gut.“ Denn die Gruppe wird zwar auch in das Ensemble des Schauspiels integriert, wird in Produktionen auf der großen Bühne auftreten und mit langjährigen Profis zusammenarbeiten. Doch auch selbständiges Arbeiten ist im „Studio“ vorgesehen: Bei der szenischen Lesung von Jonathan Safran Foers Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ führt Gabriel von Zadow Regie. Und da auch zwei aus der „Bagage“ mitspielen, ist es ihm besonders wichtig, dass sich alle gut verstehen.

          Auch das Ensemble sei super, sagen sie: keine Arroganz, große Offenheit werde ihnen entgegengebracht. Angst vor der Herausforderung hat keiner der Stipendiaten; „gesunde Aufregung ist da, aber keine Sorge“, findet Moritz Pliquet. Henriette Blumenau „verzweifelt immer mal“, aber nie lange und nie richtig schlimm: „Es gibt Phasen, da verläuft man sich, aber das geht auch wieder vorbei.“ Der 30 Jahre alte Gabriel von Zadow hat besonders hohe Ansprüche an sich: „Für mich ist das alles hier sehr aufregend“, sagt er. Er hat bisher nur an freien Bühnen gearbeitet, auch Filme gemacht, was in Frankfurt auf ihn zukomme, sei aber etwas ganz anderes: „Schaff ich das?“, frage er sich. Doch er ist optimistisch: Auf seine „größte Herausforderung“, die Arbeit mit dem Jugendclub, freut er sich schon. Auch wenn er noch nie mit Jugendlichen gearbeitet hat: „Ich hoffe, dadurch zu Grundlagen zurückgebracht zu werden.“

          „Es gibt kein Klassenziel“

          Mit ihren Hoffnungen und Fragen werden die jungen Künstler aber nicht allein gelassen. Jeder hat einen persönlichen Mentor aus dem Ensemble; stolz berichtete Oliver Reese kürzlich, dass sich sogar mehr Schauspieler als Mentoren angeboten hatten, als die Nachwuchskräfte kamen. So fühlen sich die Jungen wohl und proben munter drauf los – und die Frankfurter sind neugierig auf sie. Die Vorstellungen von „Schlafes Bruder“, das am 27. September in der „Box“ Premiere hatte und von Henriette Blumenau und Johannes Kühn gespielt wird, sind bis auf eine – am 7. Oktober – schon ausverkauft. Ein schönes Gefühl für die Jungschauspieler.

          Was ihnen das Jahr am Schauspiel bringen soll, lassen sie offen. Erfahrung, Einbindung, das ja. „Aber es gibt, glaube ich, kein Klassenziel“, sagt Moritz Pliquet. „Wenn man da ist und wach ist und sich reinschmeißt, ist das gut. Wo man Energie hineinsteckt, kommt auch etwas zurück.“

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