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Barock-Kantaten von Telemann : Musiker als Schatzgräber

Felix Koch hat sieben Jahre mit Telemann vor sich: Die Kantaten sollen mit Studenten und professionellen Musikern eingespielt werden. Bild: Marcus Kaufhold

Der Mainzer Barockfachmann Felix Koch will in den nächsten Jahren Telemanns „Französischen Kantatenjahrgang“ vollständig einspielen. Die 72 Stücke sind 1714/15 in Frankfurt entstanden. Konzerte sind auch in Planung.

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          Felix Koch macht gern ein Experiment: Dann lässt der Professor für Alte Musik der Mainzer Musikhochschule und Direktor des Collegiums musicum an der Gutenberg-Universität Mainz seine Studenten oder Zuhörer zwei unbekannte Ausschnitte aus barocken Kirchenkantaten hören, zwei anspruchsvolle Chorsätze etwa. Er gibt keine Hinweise. Und wenn er dann fragt, welcher Satz von Johann Sebastian Bach und welcher von dessen Zeitgenossen Georg Philipp Telemann stamme, können selbst stilistisch geschulte Fachleute nicht treffsicher antworten.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn es gibt von Telemann, dem weniger hoch angesehenen, lange als Vielschreiber verschrieenen Kollegen, der unter anderem 50 Opern, 40 Passionen und 1750 Kantaten schrieb und mehr komponierte als Bach und Händel zusammen, auch unglaublich hochwertige Musik. Sie wird seit einigen Jahren mehr und mehr wiederentdeckt, wobei in der Frankfurter Universitätsbibliothek noch ein riesiger Schatz schlummert: Von den 1500 dort lagernden Kantaten-Handschriften aus dem 18. Jahrhundert stammt etwa die Hälfte allein von Telemann, und das meiste davon ist noch nicht einmal ediert. Doch hat die Bibliothek in den vergangenen zwei Jahren alle Handschriften seiner Werke digitalisiert – frei einsehbar und mit der Suchmaschine über die Begriffe „Telemann digital“ leicht zu finden.

          Ein in Größe und Art bisher einmaliges Projekt zur Hebung dieses Schatzes ist jetzt unter der Leitung von Felix Koch mit dem Mainzer Collegium musicum offiziell angelaufen: In Kooperation mit dem australischen Musikverlag Canberra Baroque, dem Klassik-Label cpo sowie weiteren Partnern wie dem Frankfurter Verein Forum Alte Musik ist in den kommenden sieben Jahren die erste Gesamteinspielung und zugleich die erste vollständige musikpraktische Edition des in Frankfurt entstandenen „Französischen Kantatenjahrgangs“ von Telemann geplant.

          Nachwuchsförderung

          Es geht um alle 72 Kantaten, die Telemann als Kantor und Frankfurter Musikdirektor für die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres 1714/15 schrieb. Wer sich ein bisschen in der Materie auskennt, ahnt sofort die enorme Arbeitsleistung des durch die Gleichzeitigkeit von Edition, CD-Aufnahme und Konzerten einmaligen Vorhabens.

          Die ersten fünf Kantaten des im Advent beginnenden Kirchenjahres haben die jeweils aus Studenten und einem bekannten Spezialisten für Barockgesang zusammengesetzten Gutenberg Soloists mit dem Neumeyer Consort unter der künstlerischen Gesamtleitung von Felix Koch nun schon aufgenommen, in Zusammenarbeit mit SWR2 in Kaiserslautern. Zum Auftakt wirkte Elisabeth Scholl als Solistin und Stimmcoach mit. Ihr Bruder, der Countertenor Andreas Scholl, folgt noch. So ist das Ganze auch ein Projekt zur Nachwuchsförderung.

          Es sei „ein unglaublich großes Telemann-Glück“, dass dies in der Corona-Zeit so möglich sei, freut sich Koch. Die Idee habe vor zweieinhalb Jahren zu reifen begonnen, als das Collegium musicum, zu dem der Mainzer Uni-Chor und das Uni-Orchester sowie der Gutenberg-Kammerchor zählen, eine Pfingstkantate aus diesem Jahrgang aufgeführt habe. Ein Chorsänger, der in Mainz Musikwissenschaft studierte, habe die unveröffentlichte Kantate ausgewählt und privat am Computer in modernem Notensatz erfasst. Die damalige Vorsitzende der Frankfurter Telemann-Gesellschaft, Martina Falletta, habe dazu den Hinweis gegeben, dass dieser „Französische Kantatenjahrgang“ neben dem ebenfalls unveröffentlichten und von Musikwissenschaftlern nach deren Stilmerkmalen so benannten „Italienischen“ und „Sizilianischen“ Jahrgängen aus Telemanns Frankfurter Zeit musikalisch besonders lohnend sei.

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