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Eichborn-Verlag : Von Fliegen, Manieren und Aktien

Ohne Rettungsschirm: Vor zwei Wochen hat Eichborn Insolvenz angemeldet. Bild: dpa

Vor 14 Tagen hat Eichborn Insolvenz angemeldet. In der Krise steckt der Verlag schon lange. Ein Rückblick auf die Geschichte des Unternehmens, das vor dreißig Jahren sein erstes Programm vorlegte.

          7 Min.

          Dass Eichborn in einer existenzbedrohenden Krise steckt, hat auch etwas mit Harry Potter zu tun. Während J. K. Rowling die Potter-E-Books von Oktober an über ihre neue Internetseite verkauft, vorbei am Buchhandel, und auf diese Weise die nächste Gelddruckmaschine anwirft, brachten die Merchandising-Produkte für den ersten Potter-Film zu Beginn des neuen Jahrtausends neben Eichborn gleich noch einen Verlag in Schwierigkeiten: die Achterbahn AG aus Kiel, die zu dieser Zeit Anteile an dem Verlag aus der Frankfurter Kaiserstraße hielt. Im Gefolge von Achterbahn hatte Eichborn teure Lizenzgebühren für Produkte rund um Rowlings Zauberlehrling bezahlt, die sich danach weit schlechter verkauften als erwartet.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei wusste man bei Eichborn seit dem Erfolg des „Kleinen Arschlochs“ von Walter Moers ziemlich gut, wie man Bücher vermarktet und sie anschließend in anderer Darreichungsform weiter zu Geld macht. Für die Lizenz zur Verfilmung des Comics hatte Eichborn eine Summe erhalten, von der es damals hieß, sie sei die höchste, die in Deutschland bis dahin für eine Filmlizenz gezahlt worden sei. Das Vorbild von Achterbahn erwies sich in diesen Jahren aber in mehrfacher Hinsicht als zu verführerisch. Der Verlag aus Schleswig-Holstein, der mit „Werner“ und den Comics von Ralf König sowie ihren Verfilmungen zu Geld gekommen war, machte Eichborn 1997 auch den Gang an die Börse vor, den man an der Kaiserstraße drei Jahre später ebenfalls wagte. Achterbahn ging dann allerdings schon 2002 pleite, bei Eichborn hat man etwas länger durchgehalten und mit der Beantragung des Insolvenzverfahrens bis Mitte Juni dieses Jahres gewartet.

          Sponti-Sprüche von Frankfurter Bauzäunen und Hauswänden

          Als Achterbahn Eichborn in Schwierigkeiten brachte, hatte Vito von Eichborn, der den Verlag im Jahr 1980 in Frankfurt in das Handelsregister hatte eintragen lassen, das Unternehmen schon längere Zeit verlassen. Unter seiner Führung hatte alles ähnlich und doch anders begonnen, durchaus mit Comics und Geschäftssinn, aber noch ohne den Drang zur Vervielfachung des Kapitals durch Börsenspekulation. Während Suhrkamp die alte Bundesrepublik von Frankfurt aus mit dem Leitkultur-Ernst der Achtundsechziger versorgte, war Eichborn der Verlag für jene Angehörigen der Linken, die über den Einsatz für die Revolution den Kampf gegen den Ernst nicht vernachlässigen wollten.

          Teil der Verlagsgeschichte: Vito von Eichborn, von 1980 bis 1995 Leiter des Frankfurter Eichborn-Verlags.
          Teil der Verlagsgeschichte: Vito von Eichborn, von 1980 bis 1995 Leiter des Frankfurter Eichborn-Verlags. :

          Als Eichborn 1981 erstmals mit einem Programm herauskam, war der erste Titel eine Sammlung von Sponti-Sprüchen, die der Verleger auf Frankfurter Bauzäunen und Hauswänden aufgespürt hatte. Sie kostete ihn kein Honorar, verkaufte sich aber in einer Auflage von mehr als einer halben Million Exemplaren. Der geschäftliche Erfolg mit verlegerischen Experimenten dieser Art blieb Vito von Eichborn auch in den nächsten Jahren treu. Um sein Unternehmen zu finanzieren, hatte der 1943 geborene Taschenbuchlektor des Fischer-Verlags für 200 000 Mark ein einige Jahre zuvor erworbenes Haus in Sachsenhausen verkauft.

          „Ratten und Schmeißfliegen“

          Neben Wagemut dieser Art besaß Eichborn ein Gespür für das Geschäft mit der Qualität. Der größte finanzielle Erfolg des Verlages begann mit einem Manuskript, das ein junger Zeichner 1984 unverlangt eingesandt hatte. Zu Vito von Eichborns sechzigstem Geburtstag erinnerte Walter Moers sich in dieser Zeitung daran, wie der Verlagsleiter ihn eines heißen Sommertages in einer stickigen Dachgeschosswohnung empfing, der Hitze wegen nur mit Shorts bekleidet. „Dann wurde ich auf einen wackligen Flohmarktstuhl gesetzt, in Gitanequalm gehüllt, in Grund und Boden gequatscht, anschließend in eine Kneipe verschleppt und unter den Tisch getrunken.“

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