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Stadtschreiberin Elmiger : Flanieren jenseits der Zuckerfabrik

  • -Aktualisiert am

Stadtschreiberin: Dorothee Elmiger, hier neben der Ausstellungshalle in Sachsenhausen, hat nun auch ein Schild an der Wand Bild: Lucas Bäuml

Eine Ehrung, die sie erst einmal fast erschreckt hat: Dorothee Elmiger ist jetzt neue Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim.

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          Es ist später Abend und bereits dunkel, Dorothee Elmiger ist auf dem Nachhauseweg, als eine unbekannte Nummer anruft. Am Telefon ist Peter Weber, Schweizer Schriftsteller und Jury-Mitglied für das Amt des Stadtschreibers von Bergen-Enkheim. Er teilt Elmiger mit, dass sie die neue Amtsträgerin sein wird. So erzählt die Schweizer Schriftstellerin, Jahrgang 1985, wie sie von ihrer Ehrung erfuhr.

          „Ich bin erschrocken“, sagt sie über den Moment. Der Schreck kam vor allem daher, dass sie die Bedeutung des Ortes und des Amtes schon kannte, sagt sie am Vortag der Schlüsselübergabe, im Innenhof der Ausstellungshalle 1A in Sachsenhausen. Vor ein paar Jahren sei sie schon einmal in Bergen-Enkheim gewesen. Da habe sie auch schon das Haus An der Oberpforte 4 gesehen, in dem sie als Stadtschreiberin nun für ein Jahr wohnen darf. Auch an die Schilder mit den Namen aller Schreiber, die an der Fassade hängen und wo auch sie von jetzt an vertreten sein wird, konnte sie sich erinnern. Während des Kennenlernens spricht Elmiger ruhig, aber nicht zurückhaltend, mit leichtem Schweizer Akzent. Wenn sie über ihre kommende Zeit als Stadtschreiberin redet, lächelt sie. Bei einem ersten Spaziergang durch die Stadt habe sie überhaupt erst realisiert, dass sie bald hier wohnen würde, und sich sehr gefreut.

          47 Stadtschreiber vor ihr

          Als Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim erhält die Züricherin nämlich nicht nur ein Preisgeld von 20.000 Euro. Sondern auch das Wohnrecht, wie schon die 47 Amtsträger vor ihr. Seit 1974 fördert die damals noch selbständige Stadt Bergen-Enkheim Schriftsteller durch das Amt. Das war bis dato einmalig im deutschsprachigen Raum, viele Städte haben seither das Konzept übernommen.

          Der mit dem Stadtschreiberamt verbundene Preis ist nicht der erste für Elmiger. Nach der Veröffentlichung ihres Debüt-Romans „Einladung an die Waghalsigen“ im Jahr 2010 wurde sie unter anderem mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. 2015 hat sie auch den Schweizer Literaturpreis erhalten.

          In Frankfurt hatte Elmiger vor allem mit ihrem zuletzt erschienenen, dritten Buch auf sich aufmerksam gemacht. „Aus der Zuckerfabrik“ stand 2020 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, der jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. Der Roman sticht dabei vor allem heraus, weil er keiner festen Handlung folgt. Vielmehr erforscht er die Geschichte des Zuckers, erzählt in scheinbar unzusammenhängenden, aber doch miteinander verbundenen Biographien, Anekdoten und gesammelten Eindrücken.

          Das beeindruckte auch die neun Mitglieder der Bergen-Enkheimer Jury, in der neben Fachleuten auch Bürgerjuroren sitzen. Elmigers Bücher seien „Kompositionen, die Motiven und Geschichten folgen und dabei assoziative Kreise ziehen“, schreibt die Jury. Die Autorin erzeuge Felder um scheinbar lose Begriffe wie Zucker, Begehren und Kolonialismus und finde dort Verwandtschaften und Spiegelungen. Dadurch könne man durch die Bücher „hindurchflanieren“.

          Wohnsitz Zürich, Arbeitsort Berlin

          Flanieren, das hat Dorothee Elmiger auch für ihre Zeit in Frankfurt vor. Das Spazierengehen sei die tollste Art, einen Ort kennenzulernen, sagt die Schriftstellerin. Bisher kenne sie Frankfurt vor allem aus Büchern. Und auch die Frankfurter Schule habe sie als Studentin interessiert, erinnert sie sich. Dementsprechend „aufgeladen“ sei sie also gegenüber der Stadt. Einen Plan, worüber sie in Frankfurt schreiben möchte, hat Elmiger aber nicht. Aktuell arbeite sie an einem längeren Text über die Geschichte der europäischen Expansion und des Kolonialismus, berichtet sie. Aber sie sei gerade in einer Phase, in der sie auch wieder viel verwerfe. Die habe sie bei jedem Buch einmal.

          Trotz ihres eigentlichen Wohnsitzes in Zürich und eines Lehrauftrags in Berlin plant Elmiger, so viel Zeit wie möglich in Frankfurt zu verbringen. „Es ist mein Wunsch, hier zu sein“, sagt sie. Der Schlüssel zu ihrer neuen Wohnung in Bergen-Enkheim ist ihr am Freitag des Stadtschreiberfestes feierlich übergeben worden. Auch eine Antrittslesung der Schweizerin soll es geben. Das Datum steht bislang allerdings noch nicht fest.

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