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Choreographin Doris Uhlich : „Mich interessiert der längere Weg“

Liebt den doppelten Blick: die Choreographin Doris Uhlich vor ihren Proben in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Der Körper im Mittelpunkt ihres Schaffens ist weniger der fitte, durchtrainierte: Doris Uhlich hat sich mit ihren ungewöhnlichen Choreographien international einen Namen gemacht. Nun ist sie beim Tanzfestival Rhein-Main im Fokus, das bis Sonntag halbwegs normal läuft.

          3 Min.

          Zumindest mit einem Stück hat Doris Uhlich Glück. 15 unterschiedliche Körper, dick, dünn, alt, jung, aus der hiesigen Bevölkerung, gestalten „Habitat/Frankfurt (pandemic version)“. Sechs Vorstellungen wird es geben am Eröffnungswochenende des radikal verkürzten Tanzfestivals Rhein-Main. An verschiedenen Orten mit lokalen Spielern, Laien zumeist, zu arbeiten, ist der rote Faden in vielen Stücken Uhlichs, auch von „Habitat“. Aus der riesigen Tanz-Installation, die 2019 in der Wiener Halle E 120 nackte Körper mit denen der Zuschauer mischte, ist nun eine „pandemic version“ mit Distanz geworden. Der Körper steht stets im Mittelpunkt von Uhlichs Schaffen.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Weniger der fitte, schlanke, durchtrainierte. Das Spektrum reicht von ihrem eigenen Körper über die Normalkörper ganz durchschnittlicher Leute bis hin zu jenen Körpern, die sie in „Every Body Electric“ 2018 erstmals inszeniert hat: mit Versehrtheiten und Einschränkungen, die im Tanz plötzlich nicht mehr als solche wahrgenommen werden.

          Auch dieses Stück hätte nun gezeigt werden sollen, denn Uhlich, 1977 in Attersee geboren, war als „Spotlight-Künstlerin“ zum Tanzfestival gebeten worden. Seit einigen Jahren ist sie im Frankfurter Mousonturm zu Gast, seit 2009 ihr vielgelobtes Stück „Spitze“ dort zu sehen: zwei einstige Profitänzer und sie selbst mit Spitzenschuhen, das klassische Repertoire auf den eigenen Körper bezogen.

          Ihre Arbeiten atmen eine große Menschlichkeit

          Handicaps, Auseinandersetzung mit klassischem Ballett, Körperideale sind seit einiger Zeit Themen bei zeitgenössischen Tanzkünstlern. Doch Uhlich pflegt weder das Laute, Sensationslüsterne, Gewaltvolle, noch lässt sie sich auf ein Thema beschränken. Ihre Arbeiten atmen allesamt eine große Menschlichkeit, ohne je platt zu sein oder sich anzubiedern.

          „Ich mag das Wort ,Vorstellung‘“, sagt Uhlich. Für sie fällt darin zusammen, um was es in ihrer ganzen Kunst geht: „Man schaut eine Vorstellung an, und gleichzeitig verschieben sich die Vorstellungen.“ Es gehe ihr um die Verwandlung mit, nicht vor dem Publikum. „Ich liebe den Dialog vom Zuschauerraum auf die Bühne hin.“ Ihre Arbeiten lösen oft eine Konfrontation mit dem eigenen Blick auf Körper aus, man sieht sich sozusagen selbst zu, wie man Körpern auf der Bühne zusieht. Wenn es gelinge, den Blick zu verschieben, dann mache sie das glücklich, sagt sie: „Wir laufen Gefahr, dumpf zu werden, statt zu fragen, was unsere Denkmuster bestimmt. Man kann das, auch im Theater, nur durch Arbeit verändern.“

          Der Körper steht stets im Mittelpunkt von Doris Uhlichs Schaffen: Szene aus „Mehr als genug “ beim Tanzfestival Rhein-Main.
          Der Körper steht stets im Mittelpunkt von Doris Uhlichs Schaffen: Szene aus „Mehr als genug “ beim Tanzfestival Rhein-Main. : Bild: Andrea Salzmann

          Dabei geht es ihr nie nur um die Bühne oder den Tanz an sich, sondern stets um den Gesamtraum Theater. Eine Verschiebung, Veränderung im besten Fall, ist ihr Ziel. Das, sagt sie, sei wohl ihre Motivation, mit Diversität zu arbeiten: „Ich glaube an die Vielfalt der Körper. Die Welt hat viele Körper, mir ist es wichtig, sie auf der Bühne zu sehen. Denn Bühne bedeutet für mich Welt, eine offene Welt.“

          Sie selbst hat als Kind gespürt, wie dringend nötig ihr das Tanzen war. „Ich konnte das schon als Kind nicht akzeptieren, dass Tanzen nur für schlanke Körper sein sollte.“ Mit elf Jahren geriet Uhlich gewissermaßen ins Tanzfieber: „Man hätte mir etwas aus dem Körper gerissen, wenn ich nicht hätte tanzen dürfen.“ Die Trainingsstunden waren für das, worauf sie hinfieberte – und sie musste den Spott erdulden, als pummeliges Kind gefragt zu werden, wie sie auf die Idee käme, zu tanzen. Den Eintritt ins Konservatorium hat sie sich geradezu erhungert.

          90 Prozent des Lebens unglücklich

          Ihre Erkenntnis: „Ich kann nur eine gute Tänzerin sein, wenn ich einen Körper habe, in dem ich mich wohl fühle und kreativ sein kann. Wenn man in einem Körper ständig unzufrieden ist, ist die Kreativität irgendwann zu Ende.“ Das Klischee, dass unglückliche Menschen bessere Kunst machen, lehnt sie ab. Kreativität und Energie könne man nur kurze Zeit aus dem Unglücklichsein schöpfen. „Aber mich interessiert immer der längere Weg, auch als Künstlerin.“ Wahrscheinlich seien 90 Prozent des Lebens Unglücklichsein. „Glücklichsein ist das, was man sich erarbeiten muss. Wobei: Ich rede weniger von Glücklichsein, sondern von Zufriedenheit, Ankommen in der Gegenwart, nicht Leben in der Sehnsucht, jemand anderer zu sein, mental und körperlich.“

          Erst im Studium der Tanzpädagogik hat Uhlich entdeckt, dass sie choreographisch kreativ ist und sich gern auf der Bühne zeigt. Daraus, sagt sie, sei das „Mischwesen“ Uhlich entstanden, die Choreographin, die weiter gerne unterrichtet – Kindertanz, Jugendtanz, Nackttanz, Ruhestandstanz: „Ich unterrichte das, was mich auch in der Kunst interessiert.“

          Spielen und Teilen, das bedeute, in Kontakt treten, nicht in einer Blase zu bleiben. Für das Publikum und für Künstlerinnen wie sie, die sich international eine Karriere aufbauen, die darauf beruht, Stücke auf Tour zu schicken. Vor dem Frankfurter „Spotlight“ lag eine Münchner Version von „Habitat“ zur Eröffnung der neuen Intendanz der Münchner Kammerspiele. Nach dem Tanzfestival Rhein-Main soll das Spring Festival in Utrecht folgen, dafür sieht Uhlich schwarz.

          „Der Rückzug auf die Grundbedürfnisse ist ein Leben, das ich nicht leben möchte“, sagt Uhlich nach den Erfahrungen des ersten Lockdowns. „Mit ,Habitat‘ habe ich das Gefühl, etwas mit der Pandemie gemacht zu haben und nicht gegen sie.“ Sosehr sie das schätzt, sosehr sieht sie schon jetzt, dass dem Tanz durch die Abstandsgebote zu viel fehlt. „Zwei, drei Arbeiten, die mit der Distanz umgehen, das geht. Aber es ist der Tod der Körperlichkeit. Und die Kunst braucht Freiraum.“ Wie die Arbeit nach Corona aussehen wird? Dafür sei es jetzt zu früh, sagt Uhlich. Aber sicher ist für sie, dass die traumatische Erfahrung zugelassen und bearbeitet werden muss. Und als hätte Uhlich, die Körper- und Welttänzerin, es geahnt, hat sie für 2021 ein Projekt über Narben im Sinn.

          „Habitat“ ist am 31. Oktober und 1. November beim Tanzfestival Rhein-Main zu sehen. Informationen auch zu den Veränderungen in Folge des Lockdowns auf der Homepage des Festivals.

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