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„Don Carlos“ bei den Burgfestspielen : Mafiöses Machtkartell der Hofschranzen

  • -Aktualisiert am

Sie verachten einander: Szene mit Philipp (Volker Niederfahrenhorst) und Posa (rechts, Clemens Giebel). Bild: Eugen Sommer

In Harald Demmers Inszenierung von „Don Carlos“ gewinnen bei den Burgfestspielen Bad Vilbel die dunklen Kreaturen. Und das Gefängnis Spanien bleibt bestehen.

          2 Min.

          Mehr als vier Jahre arbeitete Friedrich Schiller zwischen 1783 und 1787 an seinem „Don Carlos“, veränderte Handlung und Form in immer neuen Anläufen. Die wandlungsreiche Entstehungsgeschichte deutet auf ein Grundproblem des Dramas hin, an dessen Bewältigung jede Inszenierung des „Don Carlos“ zu messen ist: die Verschränkung mehrerer komplexer Konflikte, die jeder für sich genommen ein eigenes Drama verdienten.

          Da ist zu einem das Vater-Sohn-Drama zwischen dem Machtmenschen König Philipp und seinem naiv-heißblütigen Sohn Carlos. Der pikante Umstand, dass Philipp in zweiter Ehe ausgerechnet jene Elisabeth heiratete, die zuvor Carlos versprochen war, hat Carlos’ Gefühle für seinen Vater zusätzlich vergiftet. Das Ehedrama zwischen König und Königin ist mehr als nur eine höfische Eifersuchtsgeschichte, denn in ihm spiegelt sich der Kampf zwischen Liebe, Liberalität und bürgerlichen Werten auf der einen, Pflicht, rigidem Katholizismus und absolutistischem Herrschaftsverständnis auf der anderen Seite detailgetreu wider. Das Familien- und Ehedrama wiederum wird überwölbt vom großen politischen Ideendrama, in deren Mittelpunkt die beiden entgegengesetzten Pole Marquis Posa und Philipp stehen.

          Konzentration auf das Königspaar

          Wer den Don Carlos, wie es heute anders kaum denkbar ist, auf kommensurable drei Stunden einkürzt, kommt nicht umhin, die Balance zwischen den einzelnen Binnengeschichten, die einander bespiegeln, bedingen und vorantreiben, grundlegend zu verändern.

          Harald Demmers Inszenierung bei den Burgfestspielen Bad Vilbel konzentriert sich auf das Königspaar sowie Carlos und Posa als den vier tragenden Säulen. Von Anfang an arbeitet er mit dem starken Kontrast zwischen dem schwärmerischen Infanten und seinem kalten, gepanzerten Vater.

          Carlos sticht mit seiner roten Ledermontur aus dem düsteren Hofhabit heraus

          Volker Niederfahrenhorst spielt den Philipp als gefährlich bulligen Glatzkopf, der jedes Gefühl als Schwäche abtut und gleichzeitig zwischen all den intriganten Granden seines Hofstaats einen ihm ebenbürtigen Kopf vermisst. Und auch seine Gefühle für Posa, in dem er den einzigen entdeckt, der in vollkommener Freiheit und Unabhängigkeit vor ihm steht, blitzen nur in wenigen Momenten auf, vor allem aber erst dann, als er erkennen muss, dass der auf sein Geheiß hin getötete Posa ihm seine Verachtung zeigte, indem er sich freiwillig opferte. Philipps verzweifelte Wut über Posas posthumen Triumph entlädt sich freilich wiederum in einer kalkulierten Eruption seiner Macht: Man hört Schüsse und die Körper von Carlos und der Königin kippen ins Dunkle.

          Mit dieser zugespitzten Schlusswendung hat Harald Demmer jene dunklen Kreaturen um den Herzog von Alba (Christian Higer) und Domingo (Daniel Alexander Kuschewski) obsiegen lassen, die in ihren schwarzen uniformähnlichen Gewändern auf der Bühne dominieren. Einzig der in seine Königin und Stiefmutter verliebte Jungsporn Carlos sticht mit seiner roten Ledermontur aus dem düsteren Hofhabit heraus und wird damit als der chancenlose Außenseiter im mafiösen Machtkartell der Schranzen gekennzeichnet.

          Der Tod wird zum moralischen Sieg

          Die Frauen, allen voran Alexandra Finder als um Haltung bemühte einsame Königin Elisabeth und Claudia Kraus als wankelmütige Prinzessin Eboli, sind in dieser Männerintrigentwelt nur Spielsteine, deren sich letztlich auch der pragmatische Rebell Marquis Posa bedient.

          Denn dieser Posa (Clemens Giebel) verbindet den naiven Idealismus seines Blutsfreundes Carlos mit Philipps zynisch-abgeklärtem Wissen um die Mechanismen der Politik. Sein Tod wird ihm zwar zum moralischen Sieg, doch in der Wahl seiner Mittel wurde er Philipp ähnlicher als ihm lieb sein konnte. Das Gefängnis Spanien aber, das die leere Bühne (Oliver Kostecka) mit ihren Holzgittern im Hintergrund zumindest andeutet, bleibt in all seiner Düsternis bestehen, als über den Leichen und Lemuren in der Wasserburg zu Bad Vilbel die Scheinwerfer ausgehen.

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