https://www.faz.net/-gzg-13zxw

Dokumentarfilm : Fragen über Fragen

Blick auf den anderen: Mischka Popp und Thomas Bergmann hoch über den Dächern von Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Mit „Mazel Tov“ setzen die Frankfurter Dokumentarfilmer Mischka Popp und Thomas Bergmann ihre Spurensuche unter Fremden fort – den Nachbarn.

          4 Min.

          Als die geladenen Gäste ins Frankfurter Kino Metropolis einzogen, hat mancher Passant erstaunt zweimal hingeschaut. Es kommt schließlich nicht oft vor, dass mit Aberdutzenden von Orden geschmückte Uniformträger, allesamt hochbetagt, in einem Kino zu beobachten sind. Sie alle sind auch in dem Film zu sehen, der dort für diejenigen, die an ihm mitgearbeitet haben, nun gezeigt wurde.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Mazel Tov“, die jüngste Arbeit des Frankfurter Filmer- und Autorenpaares Mischka Popp und Thomas Bergmann, nimmt seinen Ausgang bei den Geschichten dieser Veteranen, die in Frankfurt eine neue Heimat gefunden haben. „Mazel Tov“, „Glückwunsch!“, wird ihnen zugerufen, wenn am 9. Mai in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt der Tag der Befreiung gefeiert wird. Jeder der alten Herren wird namentlich aufgerufen und bekommt eine rote Rose. Dafür, dass er als russischer Jude in der Roten Armee gekämpft hat, um Europa von den deutschen Nationalsozialisten zu befreien.

          Immer Optimist geblieben

          Das Fest und die Bräuche haben die alten Herren und ihre Familien aus Russland mitgebracht: Seit 1990 die Ausreise möglich wurde, sind viele von ihnen nach Deutschland gekommen – ein großer Teil nach Frankfurt. Die Jüdische Gemeinde hat den enormen Zuwachs neuer Mitglieder bewältigen müssen, vom Zusammenwachsen verschiedener religiöser Traditionen bis zu Fragen nach Wohnung, Papieren, Versorgung und Sozialkontakten. Nun wird auch der 9. Mai gefeiert.

          Ihre Erinnerungen aber bleiben den Veteranen und ihren Familien auch an den anderen 364 Tagen. Daran, dass viele tausend jüdische Soldaten kämpften, viele von ihnen als offizielle Helden in der Militärgeschichte für kurze Zeit geführt und dann verschwiegen wurden, weil sie Juden waren. In Popps und Bergmanns Film erzählen die Veteranen von ihren Erlebnissen, von Tod, Leid und Diskriminierung. Ein vergessenes Stück deutsch-russischer Geschichte, aber dort bleibt „Mazel Tov“ nicht stehen. Der Film erzählt vielmehr vom Fremdsein und Ankommen. Fertige Antworten erwartet man von „Mazel Tov“ vergeblich, obwohl der Satz eines der Veteranen, beinahe hundert Jahre alt ist er, den Betrachter so tief berührt, als handele es sich doch um eine Art Antwort: Er sei immer ein Optimist geblieben, sagt er – und er rate jedem, sich einen optimistischen Charakter zuzulegen.

          Sinn für das Groteske

          Dieser Satz und das Brüchige, Zersplitterte, aus dem das Menschliche hervorbricht, passen zu den Fragen, denen Popp und Bergmann seit gut 25 Jahren in ihren Dokumentarfilmen nachgehen. Es sind immer Fragen, die sie selbst sich stellen, Sachverhalte, denen sie auf die Spur kommen wollen und die unsere Gesellschaft, wiewohl oft unbemerkt, prägen. Nach all den Jahren fragten sie einander doch zuweilen „Wieso nimmt deine Neugier auf die Welt nicht ab?“, sagen sie. In dem Film „Augenlied“ (2002), der den Hessischen Filmpreis erhielt, zeigten sie die Welt der Blinden, in „Kopfleuchten“, für den sie unter anderem 1998 den Hessischen Kulturpreis und im Jahr 2000 den Grimme-Preis bekamen, ging es um die Wahrnehmung von Menschen, deren Hirn krank oder verletzt ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hamstereinkäufe : Was, wenn die Nachfrage weiter steigt?

          Im Frühjahr bunkerten die Deutschen vor allem eins: Toilettenpapier. Nun nehmen mit steigenden Infektionszahlen und Beschränkungen auch die Hamsterkäufe wieder zu. Was das für uns bedeutet.

          Fernsehduell : Wie kann sich Biden gegen Trump behaupten?

          In der Nacht soll die letzte Fernsehdebatte im amerikanischen Präsidentenwahlkampf stattfinden. Voriges Mal konnte Joe Biden kaum ausreden. Rhetorikprofessor Olaf Kramer erklärt, wie der Demokrat diesmal Donald Trump Paroli bieten kann.
          Eine Pflegekraft (l) begleitet die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang durch den Flur.

          Zweite Corona-Welle : Alte Menschen nicht einsperren

          Während der ersten Corona-Welle wurden Pflegeheimbewohner isoliert. Inzwischen gibt es andere Strategien für den Umgang mit alten und pflegebedürftigen Menschen. Ein Besuch in einem Heim.
          Neu entdeckt: Ein Paar länglicher Speicheldrüsen umschließt die Verbindung zum Mittelohr.

          Niederländische Forscher : Neues Organ im Rachen entdeckt

          Mediziner eines Krebsforschungsinstituts in Amsterdam sind auf ein neues Organ im Rachen gestoßen. Es besteht aus zwei paarig angeordneten Speicheldrüsen, die noch niemand vorher beschrieben hatte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.