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Hessischer Filmpreis : Der Preis der Freiheit

Rot-weiße Fahnen gegen den Diktator: Eine Demonstrantin in Paluyans Film „Courage“ Bild: Living Pictures

Weit mehr als ein Dokumentarfilm: Mit „Courage“ macht der Kasseler Regisseur Aliaksei Paluyan auf die dramatische Lage in Belarus aufmerksam. Nun wird er beim Hessischen Filmpreis ausgezeichnet.

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          Courage – für sich selbst verwendet er das Wort nicht. Spricht eher mit einem abwehrenden Lächeln von der „Paranoia“, die er in den letzten Drehtagen empfunden hat. Dass da doch plötzlich jemand in sein Zimmer marschiert und die Festplatten mit dem Material mitnimmt. Oder dass am Flughafen seine Arbeit kassiert wird. Es ist nichts passiert, im Spätsommer 2020. Die Miliz war so beschäftigt mit den Demonstranten auf den Straßen von Minsk, dass der Flughafen aus dem Blick geriet.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei war Aliaksei Paluyan, geboren 1989 in Baranovichi in Belarus, seit 2012 in Kassel zu Hause, mittendrin. Im rotweißen Fahnenmeer, das von der Omon-Miliz Mal für Mal mit Gewalt gegen die friedlichen Demonstranten in ein blutrotes verwandelt wurde. Er hat das Ringen von Maryna, Pavel, Denis vom Belarus Free Theatre, den zentralen Akteuren seines Films, begleitet, als sie nach der Präsidentenwahl in Belarus im August 2020 auf die Straße gingen.

          Mittendrin: Aliaksei Paluyan hat das Ringen von drei Akteuren begleitet, als sie nach der Präsidentenwahl in Belarus im August 2020 auf die Straße gingen.
          Mittendrin: Aliaksei Paluyan hat das Ringen von drei Akteuren begleitet, als sie nach der Präsidentenwahl in Belarus im August 2020 auf die Straße gingen. : Bild: Maryia Chekhouskya

          Von den Protagonisten aus Paluyans Dokumentarfilm „Courage“ lebt kein einziger mehr in Minsk. Litauen, Ukraine, Polen sind die Stationen ihres Exils, wo sie versuchen Fuß zu fassen, ihre Familien durchzubringen und weiter politisches Theater zu machen – während die dortigen Gesellschaften angespannt sind angesichts der Migranten aus Belarus, die als politisches Druckmittel gezielt an die Grenzen der Europäischen Union geschickt werden. „300.000 Menschen haben das Land verlassen – die ambitioniertesten, klügsten, aktivsten aus der Kultur, der Informatik. Da kann ich doch nicht einfach nur den Film auf Festivals zeigen und meine Karriere machen. Ich trage die Verantwortung. Ich habe das Material in der Hand, das nicht viele Filmemacher hatten“, sagt Paluyan. „Es ist nicht nur ein Film, das ist das wahre Leben dieser Menschen.“

          Dramatische Verhältnisse

          Im Grunde ist in den vergangenen drei Jahren auch aus Paluyan ein anderer geworden. Mit dem Film hat er die Verantwortung übernommen, ein Bewusstsein zu schaffen für die dramatischen Verhältnisse in seinem Land, die ein „absolut europäisches Thema“ seien. Dass dieses Europa so wenig weiß über seinen Nachbarn Belarus, obwohl es so viel näher an Westeuropa sei als Russland, sei ein wunder Punkt. Ein „informationelles Vakuum“, hergestellt von Alexandr Lukaschenko, der gern als „letzter Diktator Europas“ bezeichnet wird. „Das zu ändern ist unsere Aufgabe.“ Weshalb „Courage“ auch auf die Proteste 1996/97 und ihre Niederschlagung zurückgreift und die langen roten Fäden der repressiven Politik und der Opposition zeigt.

          Das Belarus Free Theatre hat Paluyan selbst beeindruckt, als er noch in Belarus lebte und Informatik studierte. Dann entschied er sich, Filmemacher zu werden, an der Kunsthochschule Kassel. Die ersten Erfolge kamen schnell, der Kurzfilm „Lake Of Happiness“ hat 2019 den Hessischen Kurzfilmpreis gewonnen, tourte international und sicherte sich mit dem Festivalgewinn in Los Angeles auch einen Platz auf der Longlist zu den Oscars. Nun erhofft er sich für „Courage“ eine internationale Karriere, erst einmal wird er beim Hessischen Filmpreis als „Newcomer“ ausgezeichnet.

          So etwas Dramatisches wie „Courage“ habe er zuvor nie gedreht, sagt Paluyan. Das politische freie Theater, das sich nicht unterkriegen lässt, obwohl sein Regisseur im Exil lebt und von dort aus per Videochat inszeniert, der Mut der Schauspieler, der unabhängigen Künstler sollte im Mittelpunkt eines Films stehen – so der Plan 2018. Doch ein Regisseur, sagt Paluyan, müsse sein wie ein Hund, Prozesse riechen, die in der Zukunft liegen. So hat er es selbst erlebt und war mittendrin.

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