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Documenta : Saskia siegt

  • -Aktualisiert am

Kerry James Marshalls „The lost Boys” bei der „Documenta” Bild: dpa

Doch, ziemlich weit hinten zwischen den Niederländern, da hingen ein paar Documenta-Bilder, ist von der Aufsicht im Schloss Wilhelmshöhe zu erfahren, das in diesem Jahr seine Premiere als zusätzlicher Ausstellungsort feierte. Ein Documenta-Rundgang kurz vor Toresschluss.

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          Doch, ziemlich weit hinten zwischen den Niederländern, da hingen ein paar Documenta-Bilder, ist von der Aufsicht im Schloss Wilhelmshöhe zu erfahren, das in diesem Jahr seine Premiere als zusätzlicher Ausstellungsort der 12. Weltkunstschau hat. Der Versuch, zügigen Schrittes dorthin zu gelangen, scheitert aber: Kurz vor dem Ende der Documenta sind die Besucher besondes zahlreich und schauen sich in aller Ruhe und mit wachsender Faszination die hier immer präsenten Alten Meister an. Schließlich werden wir aber doch documentafündig: Genau gegenüber von Rembrandts herrlichem Bildnis seiner Ehefrau, „Saskia van Uylenburg im Profil, im reichen Kostüm“, ist die 1997 entstandene schwarzweiße Fotoarbeit von Zofia Kulik „The Splendour of Myself“ zu sehen, ein deutlich von Gilbert & George beeinflusstes Werk. Mit dieser Hängung vis-à-vis soll also offensichtlich die „Migration der Form“ - hier die Bildform des Porträts - sichtbar werden, die Roger M. Buergel und Ruth Noack zu einm Leitmotiv ihrer Documenta erhoben haben. Der 1947 geborenen polnischen Künstlerin tun sie mit diesem Gegenüber freilich keinen Gefallen - Saskia siegt auf der ganzen Linie.

          Nicht weit von den Damen hängen die Porträts schwarzer Jugendlicher des 1955 in Birmingham (Alabama) geborenen Künstlers Kerry James Marshall - direkt unter Gemälden des 16. Jahrhunderts. Auf einem davon schildert Karl van Mander die Szene, in der das äthiopische Königspaar Hydaspes und Persina ein Bild der weißen Andromeda voller Bewunderung betrachtet. Das soll zur Folge gehabt haben, dass Persina überraschenderweise eine weiße Tochter zur Welt brachte. Und wer es noch nicht wusste, wird mit dieser Hängung darüber belehrt, dass Rassenunterschiede nicht nur im 20. Jahrhundert eine unselige Rolle spielten.

          Bisher gut 614.000 zahlende Zuschauer

          Unter dem Titel „Emotional Library“ präsentiert Shooshie Sulaiman im zweiten - vor allem der Documenta gewidmeten - Stockwerk des Schlosses Wilhelmshöhe zwei kleine aufgeschlagene Tagebücher mit Aquarellen und wenig Text. Die malaysische Künstlerin sei vom 1. bis zum 14. Juli anwesend, „um ihre Arbeit zu vermitteln“, heißt es auf einem Schild. Vergangen, vorbei. Die Migration der Zeit ist leider nicht aufzuhalten. Immerhin ist im Aue-Pavillon auf einem Schild zu lesen, dass man damals auch Sulaimans Performances verpasst hat, bei denen es um ihre Person als „nicht greifbare Ressource der Bibliothek“ gegangen sei. Durch die Tagebücher und die Gespräche mit den Besuchern versuche sie Verbindungen zu schaffen, heißt es weiter. Das aufmerksame Wahrnehmen der anderen Person und des gegenwärtigen Moments könne zu Gehirnströmungen zwischen den Besuchern und der Künstlerin „und sogar zu einem ,vorgetäuschten Orgasmus' führen“. Zu spät.

          Sehenswertes auf dieser Blockflötenlehrer-Documenta mit dem stets mahnend erhobenen Zeigefinger, die so umstritten ist wie erfolgreich - bis gestern waren es 614.000 zahlende Besucher, 650.000 am Ende der vorigen documenta - bietet vor allem das Fridericianum: Luis Jacobs „Album III“ genannte faszinierenden Sammlung von Fotografien, die nach Themen oder Formen geordnet sind, oder „Floor of the Forest“, die nicht neue, aber noch immer sehenswerte Installation und Performance von Trisha Brown.

          Ein Vortrag als krönender Abschluss?

          Draußen auf der Wilhelmshöhe fallen sie zum ersten Mal auf, die lieblosen schwarzen Kritzeleien auf den weißen Containern, in denen Kassen und Garderoben untergebracht sind. „Sogar hier Graffiti“ empört sich ein Besucher. Wie recht er hat! Die gleichen ungelenken schwarzen Riesenbuchstaben sind aber überall an den Documenta-Containern zu sehen und weisen auf deren Funktionen hin. Es handelt sich keineswegs um Graffiti, sondern um das als höchst avanciert geltende Grafikdesign des Büros Vier5, das schon für das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst tätig war. Und dieses Grafikdesign scheint es an sich zu haben, dass es den Auftraggebern weitaus besser als den Endverbrauchern gefällt.

          Krönender Abschluss des Documenta-Rundgangs sollte ein Vortrag von Ruth Noack über „Vermittlung“ in der Neuen Galerie sein. Vor dem Eingang hat sich aber leider schon gleich nach Beginn eine große Menschentraube versammelt, und die Stimme der Kuratorin, die in der Mitte steht, ist nur mit Mühe zu vernehmen. Immerhin hört man sie äußern, die Kunstvermittlung bei den vorigen Documentas sei zu kommerziell gewesen. Also hätten sie und Robert Buergel „Vermittlung neu denken“ müssen. Schade nur, dass sie dabei nicht an ein Mikrofon gedacht haben, denken wir, als sie noch leiser wird und wir uns daher ganz unvermittelt auf den Heimweg nach Frankfurt machen.

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