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Documenta : Entsetzen und Enttäuschung

Erst zugehängt, dann abgebaut: Das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit antisemitischen Darstellungen. Bild: Imago

Muss die Leitung der Documenta angesichts des antisemitischen Skandals gehen? Die kontroverse Debatte der hessischen Politiker hat gerade erst angefangen.

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          Die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen) hat am Mittwoch „keine abschließende Erklärung“ zu der Frage abgegeben, ob die Leitung der Documenta angesichts des antisemitischen Skandals zurücktreten müsse. Dass die Antwort ausdrücklich nur vorläufig sein soll, zeigt, wie sehr sich die Ministerin über die Dynamik der Debatte im Klaren ist. „Wir müssen aufarbeiten, wie es bei der Documenta geschehen konnte, dass eine solche Bildsprache öffentlich gezeigt wurde“, meint Dorn.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Darin ist sie sich mit Andreas Hofmeister, dem kulturpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, einig. Aber darüber hinaus geht die Ministerin gleichsam prophylaktisch zur Vorneverteidigung über: „Mir wurde auf mehrfache Nachfragen bei der documenta gGmbH immer versichert, es gebe keine Hinweise auf antisemitische Bildsprache auf der Ausstellung.“

          Es werde zu klären sein, warum nicht alle Werke gerade im Licht der Debatte im Vorfeld der Eröffnung eingehend betrachtet worden seien und welchen Beitrag eine bessere Kommunikation durch die Gesellschaft hätte leisten können, so Dorn. Als Gesellschafter habe das Land die Documenta beauftragt, alle gezeigten Werke im Sinne eines verantwortungsvollen Kuratierens zu überprüfen. Die Verantwortung für die gezeigte Kunst liege „in erster Linie“ bei der künstlerischen Leitung, meint Dorn.

          Ministerin war gewarnt

          Dass sie keiner Einzelperson, sondern einem Kollektiv übertragen wurde, das wiederum eine Vielzahl weiterer Künstler eingeladen habe, könne die unzureichende Überprüfung der Werke allein nicht rechtfertigen, meinte die Abgeordnete der Grünen, Mirjam Schmidt.

          „Entsetzt und enttäuscht“ zeigt sich Günter Rudolph, der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion. Auch er nimmt das Kollektiv Ruangrupa ins Visier. Es sei „trotz der monatelangen Debatten über Antisemitismus im Ausstellungsprogramm nicht hinreichend gewarnt und sensibilisiert“, stellt Rudolph fest. „Es ist ein erheblicher Schaden entstanden, der sich nur mühsam wird reparieren lassen.“ Dennoch will der Sozialdemokrat die Documenta jetzt nicht pauschal unter den Generalverdacht des Antisemitismus gestellt wissen. „Der wichtige Diskurs darüber, wie eine globale Gesellschaft sich selbst wahrnimmt und wie sie diese Wahrnehmung in unterschiedlichen künstlerischen Formen ausdrückt, muss weitergehen.“

          Die Fraktionen von FDP und AfD erinnern daran, dass sie die Ministerin im Plenum und im Fachausschuss gewarnt hätten. Dass nun trotzdem ein Kunstwerk mit antisemitischem Inhalt gezeigt worden sei, hätte nie passieren dürfen, meint der Abgeordnete Stefan Naas (FDP). Er fordert den Rücktritt der Generaldirektorin Sabine Schormann. Sie könne sich nicht damit herausreden, dass ein Exponat erstmals im europäischen Kontext gezeigt werde und sich die Geschäftsführung keine Exponate vorab zur Prüfung vorlegen lasse. Naas hält ihr vor, die Bedenken nicht ernst genommen zu haben.

          Über die Konsequenzen herrscht auch in der Opposition Uneinigkeit

          Die AfD fordert „die sofortige Schließung und Absage der gesamten Ausstellung und einen inhaltlichen Neubeginn in fünf Jahren“. Das jetzt entfernte Großbild sei schon vor der Eröffnung als antisemitisch erkennbar gewesen, meint der Abgeordnete Frank Grobe. Dass die Eröffnung „wider besseres Wissen“ vollzogen worden sei, müsse personelle Konsequenzen haben. Grobe fordert aber nicht nur Schormanns Entlassung, sondern auch Dorns Rücktritt. Außerdem spricht er sich für einen Untersuchungsausschuss des Landtags aus.

          Die Fraktion der Linken ist „nicht der Auffassung, dass die Leitung der Documenta zurücktreten muss“. Grundsätzlich lobt sie die Entscheidung, die Documenta durch das Künstlerkollektiv Ruangrupa kuratieren zu lassen „und damit eine explizit postkoloniale und kollektive Perspektive auf Kunst in den Mittelpunkt zu stellen“, betont Fraktionschefin Elisabeth Kula. An dem antisemitischen Charakter einiger Darstellungen des Großplakates des Kollektivs Taring Padi hat aber auch Kula keinen Zweifel. Das dürfe sich „nie mehr wiederholen“.

          „Eine freie Welt muss das ertragen“

          Der Vorsitzende des documenta-Forums, Jörg Sperling, hat die Entfernung des als antisemitisch kritisierten Kunstwerks auf der Kasseler Kunstausstellung kritisiert. „Eine freie Welt muss das ertragen“, sagte er. Der Antisemitismus-Vorwurf begleite die documenta fifteen seit Anfang des Jahres. Durch das großformatige Werk „People's Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi sei das Thema nun „eskaliert“.

          Das Werk sei am Dienstag „auf politischen Druck hin“ abgehängt worden. Es gehe in dieser Debatte um Politik, nicht um Kunst. Das Bild sei eine Karikatur und seiner Meinung nach von der Kunstfreiheit gedeckt. „Die Kunst hat ein Thema aufgebracht, das außerhalb der Kunst liegt: das Verhältnis von Palästinensern und Israelis. Dieses Problem kann die Kunst nicht lösen, das kann auch die documenta nicht lösen.“

          Forderungen, die ausgestellten Kunstwerke hätten vorab überprüft werden müssen, lehnt Sperling kategorisch ab. „Das wäre Zensur.“ Angesichts der Menge der ausgestellten Objekte an mehr als 30 Standorten sei das zum einen nicht leistbar. Zum anderen widerspreche es der Idee der documenta.

          Mit dem indonesischen Kollektiv Ruangrupa habe man sich in diesem Jahr bewusst dafür entschieden, eine andere Sicht auf Kunst und Kultur einzuladen: kollektiv, aus dem globalen Süden, abseits des Kunstmarkts. „Nun muss man auch aushalten, dass diese Menschen einen anderen Blick auf die Welt haben.“

          Das Werk von Taring Padi zeigte unter anderem einen Soldaten mit Schweinsgesicht. Er trägt ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“ - die Bezeichnung des israelischen Auslandsgeheimdienstes. Das löste heftige Kritik aus. (dpa)

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