https://www.faz.net/-gzg-a4xvd

Jazzfestival in Frankfurt : Charlie Parker neu gedacht

  • -Aktualisiert am

Der Pianist Django Bates und die HR-Bigband erhalten wenigstens einen Bruchteil des 51. Frankfurter Jazzfestivals. Bild: hr/Sascha Rheker

Vom diesjährigen Frankfurter Jazzfestival ist nur ein Konzert geblieben. Dabei überraschten Django Bates und die HR-Bigband allerdings mit außergewöhnlichen Neuinterpretationen des genialen Improvisators.

          3 Min.

          Vor ihm haben alle Musiker den Hut gezogen. Diejenigen, die mit ihm auf der Bühne standen, sowieso. Die anderen haben Charlie Parkers Soli auf dem Altsaxophon Note für Note kopiert. Und tausendmal nachgespielt. Bis sie begriffen, dass Akkorde nahezu unbegrenzt dehnbar sind und die rhythmischen Akzente hin und her geschoben werden können, wie es einem passt. Man muss nur zurückfinden zu den Ausgangstönen und den Taktschwerpunkten. Parker fand immer zurück. Seine Phantasie, seine Kreativität, die Intensität seines Spiels und sein Gespür für Melos waren phänomenal. In diesem Jahr hätte er seinen hundertsten Geburtstag feiern können. Wenn sein Lebensstil nicht so selbstzerstörerisch gewesen wäre. 1955 ist er gestorben. Mit 34 Jahren.

          Jetzt hat das 51. Deutsche Jazzfestival Frankfurt mit dem einzigen Live-Konzert, das von dem üppig geplanten Musikereignis übrig geblieben ist (es soll in ursprünglicher Form nächstes Jahr nachgeholt werden), dem großen Charlie Parker eine klingende Reverenz erwiesen und einige seiner wesentlichen Kompositionen von Django Bates für die Bigband des Hessischen Rundfunks neu arrangieren lassen. Gerade das aber ist für anspruchsvolle Komponisten und Arrangeure nicht so naheliegend, wie man vielleicht denken könnte. Denn Parker war zwar ein genialer Improvisator, vielleicht der originellste, den der Jazz in den hundertzwanzig Jahren seiner Geschichte hervorgebracht hat. Ein außergewöhnlich innovativer, anregender oder anspruchsvoller Komponist war er nicht.

          Wie andere Bebop-Stilisten hat auch er sich oft damit begnügt, die Harmonien und vielfach die standardisierten AABA-Formen bekannter Stücke zu übernehmen und lediglich neue Melodien darüberzulegen. So wurde aus dem uralten Patrioten-Song „Indiana“ die freche Bebop-Nummer „Donna Lee“, die von der Plattenfirma seinerzeit Parker zugeschrieben wurde, wohl aber von Miles Davis stammt. Aus den Harmoniefortschreitungen von Fats Wallers wunderbarem „Honeysuckle Rose“ schuf Parker sein „Scrapple From the Apple“, und aus Ella Fitzgeralds Parade-Nummer „How High the Moon“ wurde sein berühmtes „Ornithology“.

          Bates außergewöhnliche Arrangements

          Was macht man aus solchen Werken, die ihre Substanz in den typischen, melodisch exzentrischen Bebop-Phrasierungen, vor allem aber in den hochoriginellen Improvisationen Charlie Parkers selbst entfalten und nicht in komplexen formalen Strukturen? Den englischen Pianisten und Komponisten Django Bates, der vor einiger Zeit schon mit außergewöhnlichen Beatles-Arrangements für die HR-Bigband hervorgetreten ist, muss wohl gerade die relative Schlichtheit des formalen Ablaufs gereizt haben, etwa nach dem Motto: Wenn schon die Kompositionen formal nicht viel Attraktives hergeben, muss man wenigstens in den Neuanordnungen und orchestralen Gestaltungen erfinderisch sein.

          So sind ihm eine Reihe erstaunlicher Arrangements gelungen, die einige von Parkers Kompositionen dekonstruierten, um sie nach außerordentlichen musikalisch-chirurgischen Eingriffen – man könnte es bisweilen auch Totaloperationen nennen – überraschend neu zusammenzusetzen. Manche Stücke dienten ihm wiederum nur als Assoziationsvorlagen, um im formalen Ablauf dann kaum mehr aufzutauchen. So wäre es wohl auch Kennern schwergefallen, in diesen stechenden Bläserakkorden, atonalen Klavierpassagen und formalen Zersplitterungen die charakteristischen rhythmischen Phasenverschiebungen bei „Donna Lee“ wiederzuerkennen. Die formale Komplexität, mit vielen metrisch freien Passagen und einem eher solistisch statt in kompakten Instrumentalsätzen arrangierten Orchester, wirkte bei „Ah Leu Cha“ gerade so, als solle hier noch einmal das Bebop-Verfahren potenziert werden, möglichst zu verschleiern, welche Komposition dem Arrangement zugrunde liegt.

          Django Bates hatte – sicherlich zur Unterstützung seines musikalischen Konzepts – als Rhythmusgruppe den schwedischen Bassisten Petter Eldh und den dänischen Schlagzeuger Peter Bruun aus seinem Trio mitgebracht, was sich freilich nicht positiv auf das Gesamtprojekt auswirkte. Denn viele Arrangements zerfielen so in durchaus überzeugende, weil harmonisch außerordentlich avancierte Triopassagen einerseits und Orchesterklänge andererseits, die lediglich wie Interpunktionen im Gesamtkonzept wirkten. Wirklich überzeugen konnten die Arrangements von Bates, wenn er – wie bei „Chi Chi“ – fast möchte man sagen: altmodische Orchestersätze mit erkennbarem thematischem Material schrieb oder in sinnlichen Klangfarben für die Bigband schwelgte, wie in der Filmmusik „Laura“. Mehr davon hätte wohl auch die Stimmung im coronabedingt spärlich besetzten Saal deutlich aufgehellt.

          Weitere Themen

          Ein Initiator der Moderne

          Maler Frédéric Bazille : Ein Initiator der Moderne

          Kaum hatte er seinen Vater von seinem Weg überzeugt, zerstörte der deutsch-französische Krieg eine vielversprechende Karriere: Vor hundertfünfzig Jahren fiel der Maler Frédéric Bazille auf dem Schlachtfeld.

          Topmeldungen

          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Pressefreiheit in Frankreich : Macrons Doppelmoral

          Es ist gut, dass der französische Präsident Karikaturen gegen Zensurversuche im Namen der „politischen Korrektheit“ verteidigt. Doch er wäre glaubwürdiger, wenn er die Pressefreiheit nicht an anderer Stelle selbst einschränken würde.
          Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

          Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

          Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.