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Dirigentin und Regisseur im Gespräch : „Die Regiepartitur muss man selbst erfinden“

  • -Aktualisiert am

Der Schluss wird nicht verraten: Julia Jones und Harry Kupfer interpretieren Berlioz Bild: ©Helmut Fricke

Gespräch mit der Dirigentin Julia Jones und dem Regisseur Harry Kupfer über die Dramatische Legende „La damnation de Faust“ von Hector Berlioz, die am Sonntag in der Oper Frankfurt Premiere hat.

          Dass die Titelfigur in der Légende dramatique „La damnation de Faust“ von Berlioz gegen Ende mit Méphistophélès unter lautstarker Musikbegleitung zur Hölle fährt, ist für Harry Kupfer ein fundamentaler Unterschied zu Goethes Version des alten Stoffs. In dem zwischen allen Genres angesiedelten Stück, das in der Textdichtung des Komponisten und zweier Koautoren eine Auswahl von Szenen aus Goethes Vorlage bietet, erscheint Faust als gebrochener Mann: „Er kann von sich aus nicht leben; in der Beziehung mit Marguerite versagt er vollkommen“, sagt der renommierte Regisseur, in dessen Inszenierung das Werk am Sonntag um 18 Uhr in der Oper Frankfurt Premiere hat. Goethes Verse „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ bekommen hier keine Gültigkeit. So endet der Bilderbogen folgerichtig mit Fausts Verdammnis.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Faust ist dabei aus der Sicht Kupfers, der das „unausbeutbare“ Stück schon fünfmal zuvor an verschiedenen Häusern inszeniert hat, das verbindende Glied der Szenenfolge. Die Geschehnisse seien Produkte seiner Imagination. Auch Mephisto spalte sich von ihm ab. Insofern könne die „Opéra de concert“, wie Berlioz seine 1846 in Paris mit Misserfolg uraufgeführte „Damnation“ zunächst nannte, auch durchgehend in einem Raum gespielt werden – sofern es gelinge, diesen durch die Phantasie immer wieder zu durchbrechen.

          Ein Künstler, „der versäumt hat zu leben“

          Die Titelfigur sieht der 1935 geborene Opernregisseur, der in Frankfurt zuletzt 2008/09 Pfitzners „Palestrina“ inszeniert hat, als einen Künstler oder Intellektuellen, „der versäumt hat zu leben“. Er sei bindungsunfähig, an nichts interessiert und verachte das Leben schlechthin. Warum er sich aus seiner anfangs hoffnungslosen Stimmung von Mephisto ins Leben zurückführen lasse, sei im Stück nicht genau erklärt. Er wolle wohl etwas nachholen und fordere Mephisto daher sinngemäß auf: „Zeig mir mal, was du kannst!“

          Der eigentliche Teufelspakt wird bei Berlioz erst später geschlossen. Völlig unprätentiös unterschreibe ihn Faust, um damit Marguerite zu erretten, die ihre Mutter mit einem vergifteten Schlaftrunk umgebracht hat und zum Tode verurteilt ist. Faust leiste seine Unterschrift wie beiläufig und so, als sei ihm ohnehin alles egal. Deshalb sei ihm diese Rettungsaktion nicht als gute Tat anzurechnen.

          Der Schluss bleibt eine Überraschung

          Seine Schuld besteht aber auch in etwas anderem: „Was man ein Leben lang versäumt hat, kann man nicht in einer Traumsekunde nachholen.“ Warum wird aber Marguerite dann erlöst? „Darüber müssen wir streiten“, meint Kupfer lakonisch. Die am Ende, nach der tosenden „Pandaemonium“-Szene, erklingende „Himmelshymne“ könne Marguerite gelten oder auch der ganzen Menschheit. Wie er den Schluss gestaltet hat, will Kupfer von daher noch nicht verraten. Das Schöne an den Episoden von Berlioz sei eben, dass man die Regiepartitur dazu selbst erfinden müsse.

          Zehn Harfen, wie sie sich Berlioz wünschte, werden zur „Apothéose de Marguerite“ in Frankfurt schon aus Platzgründen nicht zum Einsatz kommen – ebenso wenig ein Chor mit 200 bis 300 Kindern. Der Opernchor ist aber partiturgemäß fast unentwegt im Einsatz. Oft vielfach geteilt, entfalle auf ihn „Lyrisches, Heiliges oder Besoffenes“, sagt die britische Dirigentin Julia Jones, die in Frankfurt unter anderem schon vier Mozart-Opern geleitet hat. Dabei komme es zu polyrhythmischen und polytonalen Passagen: „Vieles klingt scheinbar falsch.“

          Erstaunlich sei, dass das Notenbild „wie eine klassische Mozart-Partitur aussieht“. Das Ergebnis ist aber viel komplizierter. Dazu kommt „die geniale Orchestrierung“ mit vielen ungewöhnlichen Farbeffekten. Szenenübergreifende Motive hat Jones nicht ausgemacht. Eine „Idée fixe“ wie in der „Symphonie fantastique“ gibt es nicht. Doch sei die berühmteste Komposition von Berlioz mit seiner „Damnation“ durchaus verwandt: „Alles ist Spuk.“

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