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: Diktatorische Puppen: Tom Kühnels "Helden des 20. Jahrhunderts" erleben ihre Deutschlandpremiere im Bockenheimer Depot

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Die Welt ist ein Theater. Klar. Die Metapher leuchtet ein und ist bewährt. Aber ist die Welt auch ein Puppentheater? Gar die Welt des 20. Jahrhunderts, in der es zwar einen Einstein gab, aber auch die ...

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          Die Welt ist ein Theater. Klar. Die Metapher leuchtet ein und ist bewährt. Aber ist die Welt auch ein Puppentheater? Gar die Welt des 20. Jahrhunderts, in der es zwar einen Einstein gab, aber auch die Atombombe, das gar nicht zufällige Produkt der modernen Physik? Und jede Menge Diktatoren, von denen der Fürchterlichsten einer, wenn nicht der fürchterlichste überhaupt, Deutschland zwölf Jahre lang regierte? In "Helden des 20. Jahrhunderts" wird auch Adolf Hitler verniedlicht. Oder zurechtgestutzt. Auf ein kleines Maß gebracht. Ergo verharmlost. Zu einer kleinen Puppe unter vielen degradiert. Wie Lenin, Stalin, Roosevelt, Churchill. Und Kaiser Wilhelm, Queen Victoria, Kaiser Franz Joseph. Oder Mao, John F. Kennedy, Marilyn Monroe, Einstein, Gagarin, Wernher von Braun. Sie alle stehen auf einer Ebene, sie alle sind als Gestalten des vorigen Säkulums von gestern, sie alle sind merkwürdig unwirklich. Geister der Vergangenheit, Masken aus dem Vorhof der Gegenwart. Erstarrte. Abziehbilder. Oder, wenn man so will, Ikonen.

          Suse Wächter hat, angelehnt an indonesische Vorbilder, lauter Stabpuppen geschaffen. Kunstgeschöpfe mit Gesichtszügen, die denen ihrer Paten aus der historischen Wirklichkeit verblüffend ähneln. Und auch manche Geste gelingt Suse Wächter, als führe das Leben der in der Regel zwiespältigen, gelegentlich verabscheuungswürdigen Helden die Hände der Puppenspielerin selbst. Der Hauptteil der Aktionen und des oft mit ausländischem Akzent vorzutragenden Textes liegt bei ihr. Zur Seite stehen ihr zwei weitere Akteurinnen. Drei Herren machen dazu Musik, eine Art Soundscape. Ab und zu wird auch gesungen. Oder Goethe deklamiert. Regisseur Tom Kühnel, bis vor kurzem zusammen mit Robert Schuster künstlerischer Leiter des TAT, hat in Zusammenarbeit mit Wächter sowie dem Hörfunkmoderator Jürgen Kuttner und anderen den revueartigen Abend gestaltet. Er hatte jetzt in der TAT-Spielstätte Bockenheimer Depot Frankfurter Premiere. Das Ganze ist keineswegs durchgängig komisch. Soll es auch nicht sein. Aber um die Wahrnehmung im Zeitalter der Massenmedien soll es gehen. Um die Heldenbilder im Kopf. Die Intention, den medialen Charakter der Figuren herauszustellen, kommt freilich nicht so recht zum Tragen. So bleibt der Eindruck eines merkwürdigen Parforcerittes durch die von Diktatoren bestimmte jüngere Geschichte, der einer Geschichtsklitterung gleichkommt. Sie ist womöglich beabsichtigt, soll provozieren. Denn auch wenn es Puppen sind, die sich da etwa als Hitler und Stalin nach Art des Kasperletheaters verprügeln, fügt sich ihr Text doch zu gewagten Thesen. So beispielsweise, wenn Roosevelt und Churchill mitten im Zweiten Weltkrieg von angelsächsischer Weltherrschaft träumen. Was aber gravierender ist: Auf dieser Puppenbühne sind alle gleich nah zur Geschichte, zu Lüge und Wahrheit, zu Gut und Böse. Die Welt, ein Puppentheater: die Metapher verfängt nicht. Was bleibt, sind ein paar witzige Details. Und das Staunen über Suse Wächters kunstvolle Wesen.

          Michael Hierholzer

          Weitere Aufführungen am 24. und 25.April jeweils um 20 Uhr.

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