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Zeitgenössische Kunst : Zeichnungen wie Musik

  • -Aktualisiert am

Lena Ditlmann in ihrem Frankfurter Atelier Bild: Frank Röth

Kunst zum Klingen bringen: Die Zeichnungen Lena Ditlmanns lassen an musikalische Kompositionen denken. Frankfurt sei eine gute Stadt, um Künstlerin zu sein, sagt sie.

          Zuerst erscheinen sie ziemlich strikt. Und doch sind die Linienkonstellationen von etlichen kleinen Störungen durchzogen. Ein mit dem Lineal gezogenes Raster wird von farbigen Tupfern geschmückt, vielleicht sogar gekrönt. Die Balance zwischen Strenge und Spiel, die Lena Ditlmanns Zeichnungen eigen ist, macht sich auch in ihrem Atelier bemerkbar. Der Raum im fünften Stock des „Atelierfrankfurt“ in der Schwedlerstraße wirkt aufgeräumt und strukturiert.

          Vielleicht ist Ditlmanns minimalistisch eingerichteter Arbeitsplatz eine Antithese zum dionysischen Chaos im Atelier eines Malerfürsten. Auf einem großen Tisch in der Mitte des Raums liegen mehrere Mappen, Zeichnungen und eine Box mit Stiften. In den Holzregalen am Fenster fallen neben zierlichen Kakteen diverse Geodreiecke und Lineale auf. Ditlmanns Zeichentisch ist mit Packpapier bedeckt, eine schwarze Lampe und ein Radiogerät stehen dort. „Ich höre viel Radio“, sagt sie. In ihrem stillen, konzentrierten Arbeitsprozess diene es als Kanal nach außen.

          Wie Saiten eines Instruments

          Die 1982 geborene Künstlerin kann auf den ersten Blick ernst und zurückhaltend wirken, blüht im Gespräch jedoch schnell auf. Einen Moment lang meint man, ihre Augsburger Herkunft herauszuhören. Mit wachem Blick erzählt Ditlmann, dass sie in letzter Zeit häufiger Musik von Steve Reich gehört habe. Dessen Kompositionen beschreibt sie als „elektronisch-klassisch gemischt und sehr rhythmisch“. Sie lebten von Variationen und Wiederholungen.

          Auch Ditlmanns auf weißem und dunkel grundiertem Papier ausgeführten Zeichnungen lassen sich im weitesten Sinne als musikalisch bezeichnen. Manchmal erinnern die Linienkonstellationen an Saiten eines Instruments. Um ihre Kunst zum Klingen zu bringen, fügt Ditlmann wenige spielerische Elemente hinzu. Einerseits sind ihre Blätter leise und zurückgenommen. Anderseits meint man, ihre Schwingungen wahrzunehmen, wenn man genauer auf sie eingeht. „In den Arbeiten ist auf jeden Fall ein Rhythmus drin“, bestätigt die Künstlerin.

          Spannungsvolle Strenge

          hren Arbeitsprozess teilt Ditlmann in mehrere, voneinander getrennte Phasen auf. Zunächst grundiert sie mehrere Blätter mit Tusche. Sie verwendet dabei glattes, nicht gekörntes Aquarellpapier. Die Grundierung kann lange dauern, da Vorder- und Rückseite bearbeitet werden und trocknen müssen. Durch die Mischung unterschiedlicher Farbtöne ergeben sich zuweilen Farbverläufe. Es folgt die Bildkonzeption, der vielleicht konzentrierteste Arbeitsphase. Dabei hört Ditlmann nicht einmal Musik.

          Sobald das Motiv steht, zeichnet sie mit Hilfsmitteln wie Geodreieck, Lineal oder Zirkel das Linienraster. „Die Strenge ist für mich eine Spannung“, sagt Ditlmann. Ist die Spannung erst einmal hergestellt, kommt der Gegenpol, der spielerische Ausbruch: Im letzten Schritt verziert sie das Raster mit feinen, farbigen Elementen. „Ich gebe da viel Energie rein“, betont die Künstlerin. Sie zeichnet am liebsten vormittags, stellt ihre Blätter am Stück fertig und lässt sie nicht unvollendet über Nacht liegen.

          An manchen Motiven arbeitet sich Ditlmann immer wieder ab: „Die sind dann einfach nicht so, wie ich sie will.“ Es gebe manche Motive, die bis heute nicht funktionierten. Überhaupt seien ihre Arbeiten nicht so perfektionistisch, wie sie zunächst wirkten: „Sonst könnte ich sie am Computer machen.“ Denkt man über Ditlmanns mögliche Vorbilder nach, so kommt man zwangsläufig auf die 2009 verstorbene Konzeptkünstlerin Hanne Darboven. Deren unerbittliche, repetitive Arbeitsweise bezeichnet Ditlmann zuerst als „zu spröde“. Dann gibt sie zu: „Ich finde Darboven ja schon ganz gut.“ Generell versuche sie aber, sich nicht an Referenzen abzuarbeiten.

          Frankfurt als Sammlerstadt

          Meist fällt die Suche nach künstlerischen Vorbildern in die Studienzeit. Ditlmann machte ihren Abschluss an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Von 2014 bis 2016 studierte sie außerdem bei Judith Hopf an der Städelschule. Bis heute lebt sie in Frankfurt, einer guten Stadt, um Künstlerin zu sein, so Ditlmann: „Weil sie so klein ist.“ Dadurch knüpfe man schnell Kontakte. Auch gebe es in Frankfurt nicht zu viele Künstler, dafür aber Sammler, die Arbeiten kaufen. Immer wieder werde ihr geraten, größer oder auf Leinwand zu arbeiten, um die Werke besser vermarkten zu können. Ditlmann widerspricht jedoch: „Ich finde eigentlich, dass kleine Formate typisch für Frankfurt sind.“ Wohnungen und Atelierräume seien hier nun mal kleiner als anderswo.

          Gleichwohl sei es nicht einfach, von der eigenen Kunst zu leben. Das findet sie aber auch nicht wünschenswert, da sie auf diese Weise zu einer Einsiedlerin würde. Um den Kontakt zur Außenwelt zu wahren, macht Ditlmann Führungen in Museen, unterrichtet außerdem Kinder und Jugendliche, so etwa im kürzlich eröffneten „Atelier 1318“ an der Freien Kunstakademie Frankfurt. Nicht nur deswegen muss sie zukünftig fokussierter arbeiten und ihre Zeit präzise einteilen: Vor kurzem ist Ditlmann Mutter eines Sohnes geworden.

          Dann zeigt sie noch eine jüngst entwickelte Reihe, die sie „Index-Zeichnungen“ nennt. Auf dem Blatt sind, Zeile für Zeile aufgereiht, kleine, zwischen Figuration und Abstraktion changierende Piktogramme zu sehen. Die „Index-Zeichnungen“ könnte man als eine Art Setzkasten sehen, aus dem sich Ditlmann für größere Arbeiten bedient. „Ich habe auch schon neue Ideen“, freut sich die Künstlerin. Mehr kann sie aber nicht verraten: „Sie sind schwer zu beschreiben.“

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