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documenta : Die Welt zu Gast bei Kunstfreunden

Das Kunstwerk „Template” von Ai Weiwei neben dem „Aue-Pavillon”, im Hintergrund die Orangerie Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Afrika und Asien waren noch bei keiner „documenta“ so präsent wie bei der zwölften Ausgabe dieser internationalen Ausstellung. Auch die Kunstwelten rücken in Zeiten der Globalisierung immer enger zusammen. Ein Gang über die „documenta 12“.

          Da liegt eine große Leiter. Unter Umständen könnte es sich um Kunst handeln. Tut es aber nicht. Das ist wirklich eine Leiter. Und sonst nichts. Manfred und Lisa überlegen laut, wie sie das Gerät am besten von hier wegschaffen. In dem Raum prangt ein zartes Wandgemälde mit indischen Motiven. Vielleicht doch eine Performance? Nein, wirklich nicht. Die beiden zählen zum großen Trupp der Helfer beim Aufbau der Mammutschau.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein bisschen erleichtert ist der Besucher doch, dass er sich von dieser Szene abwenden kann und sich nicht zusammenreimen muss, um was es hier künstlerisch gehen könnte. Schließlich hat er gerade eben Harvey Keitel gelauscht, der auf einer wahrlich gigantischen Filmleinwand mit unerbittlichem Ernst vor sich hin monologisiert und dem Zuschauer volle Konzentration abverlangt – eine Arbeit von James Coleman.

          Kassel liegt in Afrika

          Ohnehin ist im Neuen Museum das Licht in allen Räumen so gedämpft, dass einen eine auch noch aus anderem Grund leicht erklärliche Müdigkeit überfällt. Schließlich wurde schon das Schloss Wilhelmshöhe inspiziert, und von da aus ging es zum Fridericianum, in die „documenta“-Halle und zum neuen „Aue-Pavillon“. Harun Farockis „Deep play“, in dem auf zwölf Flachbildschirmen eine umfassende visuelle Analyse des WM-Endspiels zwischen Frankreich und Italien läuft, Trisha Browns Installation „Floor of the Forest“ mit Tänzerinnen, die sich knapp über dem Boden in den netzartig aufgespannten Seilen und den daran befestigten Textilien winden, Peter Friedls ausgestopfte Giraffe oder Lukas Duwenhöggers Denkmal für eine Teekanne haben neben vielem anderen bleibende Eindrücke hinterlassen.

          Die nordhessische Großstadt mit den weiträumigen Plätzen und Parkanlagen brütet unter einer schwülen Hitze. Kassel liegt am Amazonas. Kassel liegt am Jangtsekiang. Kassel liegt in Afrika. So vielfältig, vielgesichtig, so nah war die Fremde noch bei keiner „documenta“: Die Welt zu Gast bei Kunstfreunden.

          Es keimt und sprießt in Hallen und auf Freiflächen, und irgendwann wird auf dem Friedrichsplatz auch der rote Mohn aufgehen. Derzeit freilich sieht es dort eher so aus, als müsse dringend der Rasen ausgetauscht werden, so schütter stehen die Halme unter der unerbittlichen Sommersonne. Anderswo gedeihen die Kunstpflanzen, die Pflanzenkünste schon prächtig. Die Motive des Blühens, des organischen Wachstums, des Aufgehens der Blumen- oder auch Reis-Saat ist dieser Tage allüberall präsent in Kassel, wo einst Beuys mit der Pflanzung von 7000 Eichen der „Stadtverwaldung“ Vorschub leistete. Als wollten sie dem rheinischen Großmeister und dessen in den siebziger Jahren in Hochblüte stehenden ökologischen Ideen nacheifern, sucht eine jüngere Generation von Künstlern und Kunstvermittlern die Anbindung an die Natur.

          Man vermisst die ganz großen Namen

          So ist es nur folgerichtig, dass der „Aue-Pavillon“ einem gewaltigen Gewächshaus ähnelt, mit Milchglas-Schiebetüren, Ausblicken ins Grüne und auf die Orangerie. Mit vielen Sitzgelegenheiten. Eine Indoor-Spielwiese mit beschränktem Zugang zu den Objekten. Wie weit die Besucher gehen dürfen, darüber wacht das adrett in Leibchen geschnürte Aufsichtspersonal.

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