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: Die Trauer Shah Djihans: Ausstellung mit arabischer Kalligraphie im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst

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"Allah ist schön und Er liebt die Schönheit." Und wer sich, gewappnet mit diesem Zitat aus dem Koran, durch die Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst bewegt, kann kaum umhin festzustellen, daß ihm diese Ausstellung gefallen dürfte.

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          "Allah ist schön und Er liebt die Schönheit." Und wer sich, gewappnet mit diesem Zitat aus dem Koran, durch die Ausstellung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst bewegt, kann kaum umhin festzustellen, daß ihm diese Ausstellung gefallen dürfte. Zugleich aber ermahnt der Koran die Gläubigen, die Welt Allahs nicht zu imitieren, und so nimmt es nicht wunder, daß die Kalligraphie als die Königin der islamischen Künste gilt. Oft sind es Suren aus dem Koran und poetische Verse, die kunstvoll nicht nur Handschriften und Pergamente, sondern auch Textilien und Gebrauchsgegenstände, Schmuckstücke oder Amulette zieren. Und doch ist die seit Jahrhunderten zu höchster Perfektion entwickelte und nach strengen Regeln gelehrte Schriftkunst nicht auf religiöse Inhalte begrenzt.

          Anläßlich der Frankfurter Buchmesse, deren Ehrengast in diesem Jahr die arabische Welt ist, hat es das Museum am Schaumainkai nun unternommen, mit einer umfangreichen Ausstellung auch dem westlichen und des Arabischen nicht mächtigen Besucher einen Zugang zu dieser faszinierenden und zugleich ästhetisch höchst ansprechenden Welt der Schriftkunst zu ermöglichen. Mit bedeutenden Leihgaben etwa aus dem Museum für Islamische Kunst in Katar, aus Kairo, Paris und München veranschaulicht die Ausstellung eindrucksvoll die herausragende Rolle der Schrift in allen Bereichen der islamischen Kunst und des Kunsthandwerks.

          Dabei liegt der Schwerpunkt der "Geschriebene Welten. Arabische Kalligraphie und Literatur im Wandel der Zeit" betitelten Schau auf der klassischen Schriftkunst des Orients, sie richtet ihren Blick aber zugleich auf das osmanische Reich und nach Indien einerseits, in die Gegenwart andererseits. Ein eigenes Kabinett ist dem wohl bekanntesten Werk arabischer Literatur, den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gewidmet. Chronologisch folgen den frühen Pergamentschriften aus dem 8. und 9. Jahrhundert zunächst herrliche, nur wenig später entstandene Keramiken, deren Dekor bereits eine langsam sich zum Ornament verselbständigende Bemalung aufweist, die mitunter erstaunlich modern anmutet.

          Textilien, wie sie große Herrscher getragen haben mögen, prachtvolle, zum Zweck der Repräsentation in Auftrag gegebene Handschriften des Koran aus dem vierzehnten Jahrhundert sowie Moscheeampeln aus der Zeit der Mameluken sind ebenso zu sehen wie geschmiedete Torgitter aus dem Irak des 14. Jahrhunderts, in denen Kalligraphie und pflanzenartige Ornamentik kunstvoll und für das ungeübte Auge kaum zu unterscheiden miteinander verwoben sind. Und nicht zuletzt ist ein in seiner Schlichtheit ansprechendes und durch die es umgebende romantische Geschichte anrührendes Amulett aus gravierter weißer Jade zu sehen, das Shah Djihan, der Erbauer des Tadj Mahal, zur Bewältigung seiner Trauer über den Tod seiner innig geliebten Frau getragen haben soll.

          Sehenswert ist der Blick auf die "Geschriebenen Welten" aber nicht zuletzt deshalb, weil es die Ausstellung nicht dabei bewenden läßt, einen Blick auf die Tradition und die mehr als tausendjährige Geschichte der Schriftkunst zu werfen. Mit Arbeiten von 25 Künstlern aus rund zehn Ländern schlägt sie zudem einen Bogen zur hierzulande kaum wahrgenommenen arabischen Kunst der Gegenwart. Und hier zeigt sich, daß die zunächst meist in der klassischen Kalligraphie ausgebildeten Maler, Zeichner und Bildhauer zwar stets von der Tradition ausgehen, Koransuren oder Verse der Dichtkunst die Basis der allzeit abstrakt bleibenden Arbeiten darstellen, daß aber immer wieder auch Anschluß an die internationalen Entwicklungen der bildenden Kunst gesucht und hergestellt wird.

          Zeigen sich in den Werken Rashid al Koraichis Einflüsse der japanischen Kalligraphie, muten die "Variationen über sieben Buchstaben des arabischen Alphabets" deutlich konstruktivistisch an, während bei Yousef Ahmed Anklänge an das Informel kaum zu übersehen sind. Und nicht zuletzt gelingt es Künstlern wie dem aus dem Irak stammenden Hassan Massoudy, den Sinnsprüchen und Versen Goethes oder arabischer Dichter mit gestischen Spachtelzügen in leuchtender Tinte eine neue, nicht illustrierende und zugleich überaus poetische Form zu geben. Die Kunst, sie steht in der modernen Kalligraphie längst nicht mehr allein im Dienst der Religion, sondern schaut zugleich auf die Welt. Allah aber, mag man denken, dürfte sie gleichwohl gefallen. CHRISTOPH SCHÜTTE

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