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„Die Tödliche Doris“ in der Galerie Kind : Die Gesamtheit allen Lebens

„Die Tödliche Doris“ wurde 1980 als Musikband gegründet. Ihre Mitglieder widmeten sich aber auch der Kunst. Die Galerie Kind zeigt eine Documenta-Arbeit der Gruppe.

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          Mein Gott, bald 30 Jahre ist das nun schon her. Dass die „Genialen Dilletanten“ der Tödlichen Doris die Berliner Musikszene aufmischten, bald schon mit Filmen und Performances auf sich aufmerksam machten und, zur Hochzeit der neoexpressiven Malerei, mehr und mehr auch in der Kunst konzeptuelle Ausrufezeichen setzten. Wie modern die stets auf Abstand zum Mainstream und zum Kunstbetrieb bedachten Gründer Wolfgang Müller und Nikolaus Untermöhlen – dazu in wechselnder Besetzung Chris Dreier, Dagmar Dimitroff oder Tabea Blumenschein und schließlich Käthe Kruse – schon in den achtziger Jahren waren, wie weit im Grunde ihrer Zeit voraus, lässt sich derzeit in einer Ausstellung in der Frankfurter Galerie Parisa Kind (Offenbacher Landstraße 11–13) nachvollziehen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei beschränkt sich „Die Gesamtheit allen Lebens und alles Darüberhinausgehende“ auf eine einzige Arbeit, die unter eben jenem Titel 1987 auf der Documenta 8 in Kassel zu sehen war: ein abstrakter, kaleidoskopartiger Film, ein 1,4 Sekunden kurzes Readymade genaugenommen, der seinerzeit als sogenannter Szenentrenner für Hobbyfilmer vertrieben wurde, sowie eine Serie von ursprünglich 44 Gemälden, die jedes einzelne der exakt 44 Filmbilder in Lack auf Leinwand fixiert – der letzte und kürzeste Film der Tödlichen Doris überhaupt samt seiner vor den Augen des Betrachters vollzogenen Verschiebung in ein anderes Medium: ein Daumenkino an der Wand.

          Frisch daherkommende Kunst

          Der Kontext freilich ist bei Parisa Kind dann doch ein wenig anders. Zwar lässt sich durchaus nachvollziehen, was Wolfgang Müller damit meint, dass die Bewegung im Film gleichsam „zwischen den Bildern, von Bild zu Bild“ liege, geradeso, wie sich die Kunst der Tödlichen Doris zwischen allen Stühlen, Stilen und Genres ganz offenbar am wohlsten fühlte. Doch nicht nur, dass die Projektion auf eine Nebelwand wie seinerzeit in Kassel bei der Frankfurter Eröffnung nicht ganz so klappte, wie erhofft.

          Zum „Filmvorführapparat“, wie von Müller schelmisch intendiert, der blitzschnell rennend Bild für Bild passiert und 44-mal in der Sekunde seine Augen schließt, lässt sich der Betrachter in der Galerie partout nicht machen. Die Zeiten sind dann doch vorbei. Keineswegs, wohlgemerkt, für die noch immer verblüffend frisch daherkommende Kunst der Tödlichen Doris. Doch wir, das Publikum und all die anderen „Genialen Dilletanten“ längst vergangener Zeiten, wir sind halt nicht mehr in den Achtzigern – und unserer Zeit inzwischen womöglich ein wenig hinterher. Kurzum: 20 Jahre nach der Documenta 8 schaffen wir derlei beim besten Willen schlicht nicht mehr.

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