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Rolling Stones : Beim Altern ist jeder der Erste

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Bis dass der Tod sie scheidet - solange will Keith Richards mit seiner Band auftreten Bild: AP

Schleppend lief der Kartenverkauf für das Rolling-Stones-Konzert in Frankfurt. So schleppend, dass der Veranstalter die Notbremse zog und die Bühne in der Commerzbank-Arena umbauen ließ. Davon unbeeindruckt rockten die Rocklegenden fast wie zu Beginn ihrer Karriere. Nur etwas gemächlicher.

          Spricht man über die „Rolling Stones“, kommt die Rede unausweichlich auf das Alter. Für die meisten Menschen ist Altern kein schönes Thema, vor allem nicht, wenn sie erkennen, dass sie selbst Teil des unausweichlichen Verfallsprozesses sind. Die „Stones“ hingegen sprechen gerne vom Alter. Es ist ihnen offensichtlich nicht unangenehm.

          Der älteste der vier, der Schlagzeuger Charlie Watts, ist gerade sechsundsechzig geworden, der jüngste, Ron Wood, feierte Anfang des Monats seinen sechzigsten Geburtstag. Er ist inzwischen mehr als dreißig Jahre bei der Band und gilt den anderen trotzdem immer noch als „der Neue“, denn die Übrigen spielen schon seit fünfundvierzig Jahre zusammen. Dass sie zusammenbleiben wollen, bis dass der Tod sie scheide, kündigte unlängst Keith Richards an – auch nicht zum ersten Mal in den zurückliegenden Jahrzehnten.

          Geschichten und Legenden

          Keine unnötigen Worte also über die Zipperleins, die auch einen Rolling Stone nicht verschonen. Mick Jagger fühlte sich im vorigen Jahr plötzlich unwohl, und Richards war im Urlaub von einer Palme gefallen. So hieß es. Daraus wurde dann ein Busch, über dessen Wurzeln der Gitarrist gestolpert sein wollte. Jedenfalls stürzte er so unglücklich, dass er mit dem Kopf auf den Boden schlug. Die Band musste eine Reihe von Konzerten ihrer laufenden Welttournee absagen.

          Mick Jagger spricht gerne vom Altern

          Auch dazu gibt es eine Parallele, wie fast immer bei den „Rolling Stones“: Schon im Sommer vor neun Jahren verschob die Band eine Konzertreise, weil Richards angegeben hatte, auf den Kopf gefallen zu sein – beim Versuch, aus einem oberen Regal seiner Bibliothek ein Buch zu greifen. Die Geschichten von Geschichten über Geschichten machen inzwischen einen guten Teil der Legenden aus, die, nicht ohne Zutun der Musiker, über die dienstälteste Rockband der Welt entstanden sind.

          Und weil sie eben schon so lange rocken, sieht man ihnen einiges nach. Auch, dass sie die laufende „A-Bigger-Bang“-Welttournee ins dritte Jahr verlängerten – um die im vorigen Jahr ausgefallenen Konzerte nachzuholen. Dazu gehört der Auftritt in der Frankfurter Commerzbank-Arena, der erste von drei deutschen Sommerkonzerten zum Kehraus der Reise.

          Rastlosigkeit der Band

          In Frankfurt hat die Band zuletzt im Mai 1990 gastiert, auf ihrer fulminanten „Steal-Wheels“-Tournee, die in Europa „Urban Jungle“ hieß. Damals waren die Musiker in ihren späten Vierzigern und damit so alt, wie heute ihre jüngeren Fans sind. Im Konzert zeigten sich die „Stones“ damals im Vollbesitz einer unbekümmerten Rotzigkeit, die auch seinerzeit schon fast drei Jahrzehnte zurückreichte. Die besten „Rolling Stones“ aller Zeiten, die ihr deutscher Impresario vor siebzehn Jahren auf der Bühne sah, haben sich in Richards’ Deutung noch einmal gesteigert: zu den besten „Rolling Stones“ aller Zeiten des Jahrgangs 2007.

          Dafür nahmen die vier und ihr reichliches Halbdutzend Begleitmusiker ein mehrwöchiges Trainingslager in Kauf. Als müsse diese Band nach all den Jahrzehnten noch ernstlich am Werk feilen. Spricht man heute über die „Stones“, ist jedoch vor allem Wehmut im Spiel. In Frankfurt kommen Ignoranz, Desinteresse am Mythos oder Lustlosigkeit wegen der hohen Eintrittspreise hinzu. Was auch immer. Jedenfalls lief der Verkauf des Nachholkonzerts so schleppend an, dass der Veranstalter im letzten Moment die Notbremse zog. Kurzerhand wurde die Bühne vom Kopf der Arena vor eine Längsseite gesetzt, und da sie so groß wie ein Fußballfeld ist, war viel gewonnen: Zehntausend Plätze gingen verloren.

          Man kann nicht behaupten, dass sich die Fünfunddreißigtausend, die an diesem lauen Frühsommerabend dennoch zu den „Stones“ pilgern, vor oder in der Spielstätte drängen. Der Innenraum ist komplett mit Sitzblöcken ausgestattet, auch auf den Rängen sitzen alle in langen Reihen. Es geht ja auch um ein Konzert von Herren in gesetztem Alter. Der Bühnenaufbau erinnert an ein Parkhaus. Geschwungene silberglänzende Lamellen rahmen eine riesige Leinwand, aus der zum Finale die blutrote Zunge quillt, das Logo der Band seit Ururzeiten. Das Parkhaus ist kein schlechtes Bild für das prinzipiell Rastlose der Band. Ein Rolling Stone muss eben immer weiter.

          Konsequent katastrophaler Sound

          Der Konzertbeginn imitiert den Furor der besten „Stones“ von einst. Knallkörper explodieren, Flammen schießen empor. Gitarren krachen, das Schlagzeug knüppelt. Der Song „Start Me Up“ stammt vom Album „Tattoo You“, das 1981 erschien. Seitdem dient er als Konzertaufriss. Es ist ein Stück aus raffiniert verzögerten Stolperschritten und abrupten Sprüngen, das in die Glieder fährt und jeden vom Stuhl reißt, der Ohren hat, um „Rolling Stones“ zu hören.

          So ist es auch in Frankfurt. Mit dem Glühen der Begeisterung, das aus der Erwartung entstand, die sich aus Erfahrung speist, ist es aber schon nach wenigen Takten vorbei. Das ist nicht „Start Me Up“, die Hymne aufs Toben um des Tobens willen, das ist ein gemächlicher Schieber. Es ist der Grundantrieb des ganzen Abends.

          Neunzehn Songs spielt die Band, inklusive der obligatorischen Zugabe „Jumpin’ Jack Flash“. Große Hits aus den Sechzigern („Satisfaction“, „Sympathy For The Devil“, „Brown Sugar“), bluessoulig Anverwandeltes („I’ll Go Crazy“ von James Brown), Obskures wie Keith Richards’ unbeholfenen Brachialgesang zu „I Just Wanna Hold You“, ein Stück, das die Band erst zum vierten Mal auf die Bühne gestemmt haben will. Der Sound bleibt konsequent katastrophal, nach musikalischen Gesichtspunkten ist das Konzert nicht zu bewerten. Aber das war noch nie die wichtigste Frage bei den „Rolling Stones“. Entscheidend ist vielmehr, dass sie durchgehalten haben, von der vorigen Begegnung bis zu dieser. Dass sie das Geheimnis ewiger Jugend kennen, nähme man diesen Musikern nicht ab, dazu sehen sie aus der Nähe zu alt aus. Im Ignorieren des Alters aber macht ihnen niemand etwas vor.

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