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Portrait : Die Orgel im Keller

Passionierter Orgelspieler: Bernd Walz Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Der Zahnarzt Bernd Walz in Bergen-Enkheim hat sich einen Lebenstraum erfüllt. Er hat eine wertvolle Bürgy-Orgel von 1807 erworben, die nun in seinem Haus steht.

          3 Min.

          Bernd Walz muss heute noch herzlich lachen über die Geschichte mit den Bauarbeitern. Zwar hatte er ihnen mehrfach erläutert, wofür im Anbau seines Praxishauses in Bergen-Enkheim ein Teil des Souterrains auf eine Raumhöhe von viereinhalb Metern extra tief ausgehoben werden musste.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch die hielten es für einen Scherz und glaubten, als Zahnarzt werde er sich, wie so viele seiner Zunft in den siebziger Jahren, im Keller ein Schwimmbad einrichten. Walz gab es schließlich auf und lud sie stattdessen, nach Abschluss aller Arbeiten, zum fröhlichen Planschtag im Pool ein. Mit ihren Badetaschen in der Hand und herunterhängenden Kinnladen blickten die Handwerker vom vermeintlichen Beckenrand hinab: auf eine historische Dorfkirchenorgel.

          Erkenbar an Gestalt und Klang

          Um was für ein kostbares Instrument es sich dabei handelt, ist allerdings noch viel unglaublicher als die kleine Anekdote. „Dieses Orgelwerk wurde neu erbaut im Jahr 1807 von denen Gebrüder Bürgy zu Homburg vor der Höh für die evangel. lutherische Gemeinde zu Bruchköbel. Soli Deo Gloria“, lautet die gut lesbare Signatur auf einem Pergamentzettel im Ventilkasten. Das Werk der zweiten Generation der berühmten Orgelbauerfamilie, der Söhne von Johann Conrad Bürgy, dem Erbauer der Bad Homburger Schlosskirchen-Orgel, ist für jeden Kenner aber auch ohne Signatur in der typischen Gestalt und am Klang sofort erkennbar. In Groß-Karben zum Beispiel findet sich ein Schwesterinstrument. Und alles in allem stehen im mittelhessischen Raum 22 Orgeln der Bürgy-Söhne zum Vergleich.

          Zum Jubiläum seiner zweihundertjährigen Existenz strahlt das Instrument im Hause Walz nun in vollem Glanz, gehegt und gepflegt von einem der interessantesten „Freaks“ der Frankfurter Orgelszene. In seiner Heimatgemeinde Sankt Nikolaus in Bergen-Enkheim ist Bernd Walz schon seit seinem vierzehnten Lebensjahr nebenamtlich als Organist tätig. Von einem Orgelstudium riet ihm seine Lehrerin, die große Frankfurter Orgelmeisterin Rosalinde Haas, später allerdings ab. Mit der Aussicht, die väterliche Praxis zu übernehmen, studierte Walz also lieber Zahnmedizin und verdiente sich nebenher mit Orgelspiel und -reparaturen etwas Geld. Auch die technische Seite der Instrumente faszinierte ihn von Anfang an.

          Dieses Interesse führte ihn 1974 auch in die evangelische Kirche nach Niederdorfelden. Die Gemeinde dort hatte die alte Bürgy-Orgel schon 1836 der Lutherischen Kirche in Bruchköbel abgekauft, wollte nun aber im Zuge einer Kirchenrenovierung eine neue Orgel errichten lassen. Als Walz von dem Angebot einer Orgelbaufirma erfuhr, die das alte Instrument zum günstigen Materialwert übernehmen wollte, bot er den doppelten Preis, verbunden mit der schriftlichen Zusicherung, das Instrument zu restaurieren – „und nicht eine Bar mit rosa Licht daraus zu machen“.

          Der Holzwurm hatte zugebissen

          Bernd Walz erhielt nach dieser Aussage den Zuschlag und brachte den Abbau behutsam zu Ende, wobei er zum Beispiel jedes Schraubenloch am Fußboden auf Millimeterpapier vermaß. Jedoch: „Die Schnitzereien zerbröselten fast in den Händen, so hatte der Holzwurm zugeschlagen“, erinnert er sich. Zunächst lagerte er das Material in den ehemaligen Praxisräumen im elterlichen Wohnhaus, bis im Zuge der Erweiterung des eigenen Hauses der Raum für die Orgel entstand.

          Die Orgel, die Bernd Walz nach der Arbeit in der Praxis oft bis spät in die Abendstunden hinein wiedererrichtete und detailgetreu ausbesserte, befand sich zu diesem Zeitpunkt allerdings klanglich noch längst nicht in einem so schönen Zustand wie jetzt. Zwischenzeitlich engagierte sich Walz nämlich zudem – auch finanziell – mit großer Intensität für den Neubau einer Orgel in seiner Heimatgemeinde durch die Firma Förster und Nicolaus.

          Diese Licher Orgelbauer, ausgewiesene Spezialisten für die Renovierung von Bürgy-Orgeln, waren es schließlich aber auch, die seine ungewöhnliche Heimorgel in großem Stil sanierten. Im Jahr 1999 konnte das einmanualige Instrument mit seinen zehn Registern so in der fachmännisch rekonstruierten Form erstmals in einem öffentlichen Hauskonzert des finnischen Organisten Kalevi Kiviniemi wieder zum Klingen gebracht werden.

          „Die fröhliche Orgel“: vier Konzerte

          Kiviniemi ist dabei nur einer von zahlreichen namhaften Organisten, die mittlerweile auf dem für seinen prägnanten und durch den geringen Winddruck milden und farbenreichen Klang geschätzten Instrument gespielt haben. Auch Olivier Latry, Thierry Mechler, Ben van Oosten, Pierre Pincemaille und Edgar Krapp griffen hier schon in die Tasten.

          Sie alle waren Gäste der sogenannten „Vorabend-Feiern“, zu denen Bernd Walz als Vorstandsmitglied des „Förderkreises Orgel und Orgelmusik an Sankt Nikolaus Bergen-Enkheim“ in Verbindung mit der dort 1984 initiierten hochkarätigen Konzertreihe zu sich nach Hause einlädt. Mit Bildern und Widmungen verewigt haben sich im Walzschen Orgelraum aber auch Marie-Claire Alain, Jane Parker-Smith, Guy Bovet und viele andere Größen.

          Aus Anlass des Orgeljubiläums werden derzeit für je 52 angemeldete Zuhörer vier Orgelkonzerte veranstaltet. Den Anfang machten Iris und Carsten Lenz aus Wiesbaden, die teils vierhändig und -füßig unter dem Titel „Die fröhliche Orgel“ Werke von Mozart, André, Vanhal und anderen spielten. Kalevi Kiviniemi und Pinja Järvinen (Flöte) sind am Sonntag, 29. Juli um 16 und 19 Uhr mit Werken von Frescobaldi, Johann Sebastian Bach, Transkriptionen und Improvisationen zu hören. Eine CD mit Kalevi Kiviniemi ist unter dem Titel „Eine Dorforgel von 1807 in Frankfurt am Main“ beim Label Griola erschienen.

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