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F.A.Z.-Bürgergespräch : Die Kultur und der Gemeinschaftsgeist

Über Kultur und Gemeinschaftsgeist: (von links) F.A.Z. Herausgeber Werner D’Inka, Matthias Wagner K, Franziska Nori, Ute Bansemir, Bernd Loebe u. Michael Hierholzer. Bild: Wolfgang Eilmes

Beim F.A.Z.-Bürgergespräch in der Frankfurter Oper geht es um die Rolle der Künste in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung.

          Die Gesellschaft ist im Wandel. Digitalisierung und Globalisierung stellen sie vor neue Herausforderungen. Nicht jeder meint, dass sie dafür gefestigt genug ist. Die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist groß. Doch wie ließe sich der Gemeinschaftsgeist stärken, ein Zusammengehörigkeitsgefühl wecken, gerade in von der Diversität unserer Einwanderungsgesellschaft geprägten Großstädten wie Berlin, Hamburg, Köln, München oder Frankfurt? Könnte die Kultur hier eine wichtige Funktion übernehmen? Aber bildet die Kultur diesen Wandel und die Gesellschaft des Jahres 2018 überhaupt noch ab?

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diesem Thema ist diese Zeitung am Donnerstagabend beim sehr gut besuchten F.A.Z.-Bürgergespräch im Holzfoyer der Oper Frankfurt auf den Grund gegangen. Unter der Fragestellung „Was kann die Kultur? Die Rolle der Künste in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung“ sprachen Werner D’Inka, Mitherausgeber dieser Zeitung, und Michael Hierholzer, Leiter der Kulturredaktion der Rhein-Main-Zeitung, mit Ute Bansemir, der Leiterin der „Theaterperipherie“ im Titania in Bockenheim, mit Franziska Nori, der Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, mit Bernd Loebe, dem Intendanten der Oper Frankfurt, und mit Matthias Wagner K, dem Leiter des Frankfurter Museums Angewandte Kunst.

          Vieldeutigkeit und Ambivalenz

          So verschieden die auf dem Podium vertretenen Künste, so verschieden die Interpretation des Begriffs „Kultur“, auf dessen Vieldeutigkeit und Ambivalenz Franziska Nori eingangs hinwies. Ihrer Ansicht nach gebe es aber in Deutschland eine „Nostalgie nach Homogenität“, ein Festhaltenwollen an einem einhelligen Kulturverständnis. Der Opernbetrieb gehört auf jeden Fall dazu, kommt doch die Oper „konservativ rüber“, wie Bernd Loebe sagte.

          „Wir haben hier einen Graben“, verwies er auf die bauliche Gegebenheit, die eine direkte „Konfrontation mit Diversität“ ausschließe, wie sie unlängst in München von zahlreichen Theaterleuten in einem offenen Brief an die Stadt als Bestandteil einer Neuausrichtung des deutschen Stadttheatersystems gefordert worden war. Er möge nicht die Modernität um der Modernität willen, „die mir suggeriert, hier ist etwas Neues“, antwortete Loebe auf Hierholzers Frage, ob die Oper Frankfurt denn die gegenwärtige Gesellschaft abbilde: „Mir ist der Inhalt wichtiger als die Verpackung“, sagte der Intendant, der die Gattung Oper pries, „überhaupt kein Verfallsdatum“ zu haben, „weil sie wunderbar interpretierbar ist.“

          Ute Bansemir, die mit ihrer Theaterarbeit seit etlichen Jahren auf die sich verändernde Gesellschaft reagiert und Schauspieler sowie Autoren aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen beschäftigt, betonte dagegen, dass es bedeutsam sei, wer auf der Bühne stehe und dort etwas mache. Sie spielte auf vielleicht gar nicht beabsichtigte Zuschreibungen der Zuschauer angesichts von Schauspielern aus unterschiedlichen Kulturen an und erzählte von einem ihrer Darsteller, der an einer staatlichen Schauspielschule in Deutschland sein Studium absolviert habe, grundsätzlich aber als Gangster, Döner-Verkäufer oder Dealer besetzt werde. „Dafür hat er ja nicht studiert“, sagte sie.

          Hochprofessionelles Kleinklein

          Als Herausforderung für die Kultur sieht Bansemir die Unterschiede, die es hierzulande zwischen den Milieus gebe. Franziska Nori teilt diese Einschätzung und verwies auf ihre Erfahrungen im Ausland, wo es gerade in akademischen Kunstzirkeln Systemzuschreibungen gebe und es eine Rolle spiele, wo man studiert habe. Auch wegen dieses hochprofessionellen Kleinkleins sehe sie nicht, dass einzelne Institutionen allein etwas für den Zusammenhalt tun könnten. Das funktioniere nur im großen Zusammenhang vieler Einrichtungen.

          Doch was könnten diese gemeinsam tun? Mehr niederschwellige Angebote schaffen, um jeden mitzunehmen? Matthias Wagner K sagte, er sei kein Freund davon, etwa nur auf „leichte Sprache“ zu setzen. Er plädierte dafür, das Angebot für Kinder weiter auszubauen: „Wir könnten da noch viel mehr machen, haben aber kein Personal.“ Auch am Geld fehle es, wenngleich in Frankfurt viele Stiftungen hülfen, solche Löcher zu stopfen.

          Kultur sei „die Abspeicherung des Zeitgeistes“, meinte ein Zuhörer im Publikum. Dieser Zeitgeist sei aber eher in den Off-Locations der Stadt und weniger in ihren Museen und Institutionen zu finden, die immer die gleiche soziale Schicht ansprächen. Die Häuser sollten daher ihre Bemühungen weiter verstärken, bisher Kulturfernen die Schwellenangst zu nehmen.

          Damit wäre das gemeinschaftliche Erleben ermöglicht, um das es beim Theater- oder Konzertbesuch, jenseits der ästhetischen Erfahrung, ja auch geht. Ob die Kultur dabei auch die derzeitige gesellschaftliche Situation abbildet, ist eine andere Frage. Ihre Aufgabe wird es weiter sein, in der „Heterogenität der Gesellschaft die Phänomene zu erkennen“, wie Franziska Nori sagte.

          Frankfurter Allgemeine Bürgergespräch

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