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Poetry-Slammer : Dichter und Lenker

Dichterwettstreit: Die Poetry-Slammer Sebastian Kramer und Finn Holitzka (rechts) Bild: Wolfgang Eilmes

Die Poetry-Slammer Samuel Kramer und Finn Holitzka organisieren in Offenbach die Show „Kassiber in Leuchtschrift“.

          3 Min.

          Wer sich einen Reim auf die Stadt Offenbach macht, denkt dabei vermutlich eher an großspurige Rapper als an feinsinnige Poeten. Doch stammt nicht nur der Rapper Aykut Anhan, besser bekannt als Haftbefehl, aus der Lederstadt. Zwei der bekanntesten und besten Poetry-Slammer Hessens sind in Offenbach zu Hause. Passenderweise sind die Poeten Samuel Kramer und Finn Holitzka miteinander befreundet und teilen sich sogar in einer Wohngemeinschaft die gemeinsame Bleibe, statt miteinander im fortwährenden Dichterwettstreit zu stehen.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die räumliche Nähe sei inspirierend, sagen beide Slammer, die noch studieren, aber längst zu den vielgefragten Protagonisten der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene gehören. Regelmäßig sind sie zu Vortragswettbewerben in ganz Deutschland eingeladen, bei denen selbstgeschriebene Texte innerhalb einer vorgegebenen Zeit (fünf oder sechs Minuten) dem Publikum vorgetragen werden, das anschließend den Sieger des Wettbewerbs küren darf. Der 21 Jahre alte Samuel Kramer, 2016 Hessenmeister im Poetry-Slam, kommt mittlerweile auf über hundert Auftritte im Jahr, bei denen er sich in seiner Spezialität, der Lyrik, beweist.

          Auch als Moderator im Einsatz

          Auch Finn Holitzka, 22 Jahre alt und ebenfalls ein Hessenchampion, ist regelmäßiger Gast bei Slams und darüber hinaus als Moderator gefragt. Er führt sowohl durch die regelmäßig veranstalteten Krone-Slams in der Goldenen Krone in Darmstadt wie auch durch die „Music Sneak“-Konzertabende in der Jahrhunderthalle Frankfurt.

          Ungeachtet der vielen Engagements organisieren die beiden seit einigen Monaten auch eine gemeinsame Bühnenshow. Als Auftrittsort haben sie sich ihren Wohnort ausgesucht. „Wir wollten was in Offenbach machen“, sagen beide, die trotz ihrer Bekanntheit bewusst nicht hessische Poetry-Slam-Hochburgen wie Frankfurt oder Marburg ins Visier genommen haben: „Dort sind die Claims abgesteckt. Und was bringt es, in Frankfurt den siebten Slam zu veranstalten?“, fragt Holitzka, der neben einem mit den Dichterwettstreiten vertrauten Publikum auch neue Besucher ansprechen möchte, die vielleicht eher wegen des Drumherums neugierig auf die Show sind.

          „Kassiber in Leuchtschrift – Show für Slamkunst, Musik & Unfug“ heißt das Programm, das sich Kramer und Holitzka am Küchentisch ausgedacht haben und das nun seine fünfte Ausgabe erfährt. Stets laden die beiden einen bekannten Slammer ein, der zwei Texte vortragen wird und dazu unterschiedliche Musiker, die sowohl Stücke und Songs spielen, aber auch improvisieren sollen – mit dem Gast und mit dem Publikum, das im Programmpunkt „Offener Mike“ Gelegenheit hat, sich selbst auf der Bühne zu beweisen. Kramer und Holitzka sind bei diesen Shows nicht nur Gastgeber, sondern präsentieren ebenfalls neue Texte, die für diese Abende geschrieben worden sind.

          Was nicht so von der Hand geht

          Dafür stellen sich die beiden jeweils Aufgaben. „Meine Spezialität ist ja die Lyrik“, sagt Kramer: „Doch beim letzten Mal wollte Finn von mir Prosa und die zum Thema Sport, Vorgaben also, die mir nicht so einfach von der Hand gehen.“ Aber auch Holitzka ist vor der letzten Show ins Schwitzen geraten, wollte sein Mitbewohner doch einen Text über Zeitungen von ihm, der natürlich den Anforderungen eines Slam-Wettbewerbs genügen, also inhaltlich dicht und rasant obendrein sein sollte. Auch für die morgige Ausgabe ihrer Kassiber-Show haben sich die beiden eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt, wollen sie doch der ausgesprochenen Individualität der Slammer-Szene zum Trotz einen gemeinsamen Text entwerfen.

          Zwar könnte dieses Showkonzept mit Texten, Musik, Interviews und Spielen vermutlich auf vielen Brettlbühnen funktionieren, doch dürfte die Besonderheit des Auftrittsorts in Offenbach ihren Teil dazu beitragen, dass Kramers und Holitzkas Slam-Poetry-Abende schon nach vier Ausgaben ein Stammpublikum gefunden haben. Als Bühne dient die „afip – Akademie für interdisziplinäre Prozesse“, ein einer Spielwiese ähnelnder Atelierraum am Goetheplatz in Offenbach, den der Designer Lutz Jahnke tagsüber nutzt, bevor am Abend Filme gezeigt, ein Konzert gegeben oder aber ein Poetry-Slam-Wettbewerb veranstaltet wird, nach dem man sich einen ganz neuen Reim auf Offenbach machen kann.

          „Kassiber in Leuchtschrift“, die fünfte Show für Slamkunst, Musik & Unfug wird an diesem Freitag, 22. Juni, von 20 Uhr an im afip in Offenbach, Goetheplatz, veranstaltet. Der Eintritt kostet sieben Euro.

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