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Deutscher Kleinkunstpreis : Überzeugungstäter, Rosstäuscher, Rotzlöffel

Auch ein Kleinkunst-Preisträger, aber nicht in Mainz dabei: Kabarettist Gerhard Polt Bild: ©Helmut Fricke

Die Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises ist ein komisches Schaulaufen des Genres. Dass er in diesem Jahr in Mainz zu einer Sternstunde der Kleinkunst geriet, lag an den aktuellen Preisträgern wie Uta Köbernick und Wilfried Schmickler.

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          Woran mag es liegen? Am übervollen Terminkalender? An den lausigen Zeiten? Dabei sind die doch im Grunde, so weiß man auf den Brettln, die die Kleinkunstwelt bedeuten, ausnehmend gute – für die Satire. Dass nach Dieter Hildebrandt im vergangenen Jahr nun auch Gerhard Polt als zweiter Preisträger nicht den Weg nach Mainz und ins Unterhaus gefunden hatte, um den vom Land Rheinland-Pfalz gestifteten Ehrenpreis zum Deutschen Kleinkunstpreis persönlich in Empfang zu nehmen, kann man jedenfalls nur bedauern.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht dass die übrigen Preisträger den Abend nicht auch alleine hätten stemmen können. Schließlich ist die Verleihung des in den Sparten Kabarett, Kleinkunst sowie Musik, Chanson und Lied vergebenen, mit insgesamt 25 000 Euro dotierten Deutschen Kleinkunstpreises ein komisches Schaulaufen des Genres. Doch wenn ein so erfahrener Moderator wie Dieter Nuhr das Kunststück fertigbringt, zumindest bei der nachmittäglichen Generalprobe nicht nur Polts Fehlen, sondern auch seinen Namen kein einziges Mal zu erwähnen, dann kann man sich schon fragen, was dieser neugeschaffene Ehrenpreis wert sein soll.

          Sternstunde der Kleinkunst

          Dass der Abend, wie oft in den vergangenen Jahren, dennoch zu einer Sternstunde der Kleinkunst geriet, lag denn auch weniger am Moderator und seiner routinierten Komik, sondern an den aktuellen Preisträgern. An Uta Köbernick zum Beispiel, die den traditionell von der Stadt Mainz ausgelobten Förderpreis erhielt. Eine Künstlerin, die „gleichermaßen naiv wie weise“ erscheint, wenn sie ihren Teddy und die Sehnsucht ihrer Heizung nach Frühling besingt, wie die Jury treffend befand. Eine Kabarettistin, die in ihren harmlos und ungelenk anmutenden Gedichten leichthändig Limerick und Kalauer, Dada und konkrete Poesie versöhnt.

          Dagegen bewegt sich Jochen Malmsheimer, in der Sparte Kleinkunst ausgezeichnet, mit seiner Kochshow-Parodie zunächst auf reichlich ausgetretenen Satirepfaden. Doch seine Mittel – Gestik, Mimik und die voller Lust und Tücke hin und her gewendete Sprache – beherrscht der an der Seite von Urban Priol und Georg Schramm bekannt gewordene Sprachjongleur virtuos. Und darauf, einen „Maitre de Cousin“ im Hörfunk Kartoffeln kochen zu lassen und sich dabei wie Alfred Biolek vor Begeisterung schier zu überschlagen, muss man auch erst einmal kommen.

          „Gebührenpflichtige Verbödungsanstalt“

          Das Prädikat „denkwürdig“ aber verdienten sich bei dieser Gala zwei andere Meister ihres Fachs. Wilfried Schmickler etwa, der die begehrte Unterhausglocke acht Jahre nach dem Preis für das Trio „3Gestirn“ nun als Solist überreicht bekam. Und der, wie es sich gehört im Kabarett, „erst einmal ein bisschen Dampf ablassen“ wollte und danach geschätzte fünf Minuten ohne Punkt und Komma von „Ackermann und seinen Rotzlöffeln“ über Sigmar Gabriel bis zu den fünf Wirtschaftsweisen, von den „Trickbetrügern, Rosstäuschern und Falschspielern“ der Finanzbranche bis zur gebührenpflichtigen „Verblödungsanstalt“ des deutschen Fernsehens der gesamten Republik ins Stammbuch schrieb, was einem „Überzeugungstäter“, so die Jury, halt so alltäglich auf den Nägeln brennt.

          Schmickler aber wäre nicht die scharfe Axt im Kleinkunstwald, die er nun einmal ist, wenn er es dabei bewenden ließe. Er verwebt Kalauer mit bitterer Satire, Witze über Beckenbauer mit dem Aussterben der Deutschen und einer grandiosen Nummer über „die da“ und „wir hier“, wie man es präziser, schärfer und gemeiner, kurz: besser auf deutschen Kleinkunstbühnen nicht eben häufig hört.

          Unverwechselbarer Ton

          Sebastian Krämer kommt in seinem zu klein gewordenen Vertreteranzug unterdessen vor allem harmlos daher. Und in der Tat, die Politik ist seine Sache nicht. Seine Themen sind der Alltag und all die absurden Blüten, die das ganz normal banale Leben treibt. Er ist äußerst komisch.

          Und wenn er sich an das Klavier setzt, ein paar Akkorde in das Unterhausgewölbe perlen lässt und über das „Vermögen und Unvermögen der Liedkunst“ singt, ein „Schlaflied zum Wachbleiben“ oder gar ein „Scheißlied ohne Reim und Rhythmus“ an die Deutschlehrer, die weder Harry Potter noch Bushido oder die Rechtschreibreform verhindert haben, dann findet er am Ende das, was jeder Liedermacher braucht: einen ganz eigenen und unverwechselbaren Ton.

          Die Aufzeichnung der Preisverleihung wird am 14. März um 20.15 Uhr auf 3sat ausgestrahlt.

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