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Deutscher Buchpreis : Die Qual der Wahl

Für den Deutschen Buchpreis nominiert: Herta Müller Bild: dpa

Starke Kandidaten: Fünf Autoren der Shortlist für den Deutschen Buchpreis lesen im Literaturhaus Frankfurt.

          Die Veranstalter können zufrieden sein. Der bisherigen Buchpreis-Dramaturgie zufolge, auf die sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und das Publikum in den vergangenen Jahren geeinigt zu haben scheinen, hat jede neue Auflage des Preisrummels die vorangegangene zu überbieten, passiert jedes Mal etwas Neues. Diesmal gab es die erste Ohnmacht. Aber der Schreck des Rufs nach einem Arzt, der von den Stehplätzen durch den übervollen Saal hallte, kaum dass eine stickige Dreiviertelstunde vergangen war, machte bald dem routinierten Ablauf von Lesungen und Gesprächen Platz.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum zweiten Mal hatten der Börsenverein und das Kulturdezernat der Stadt Frankfurt im Frankfurter Literaturhaus fünf der Autoren versammelt, deren Bücher auf der Shortlist des Preises stehen. Auch in Zukunft soll Frankfurt, die Stadt, in der die Auszeichnung seit 2005 am Vorabend der Buchmesse vergeben wird, der einzige Ort sein, an dem man die Kandidaten in den Tagen zwischen der Veröffentlichung der Liste und der Verleihung des Preises im Kaisersaal des Römer gebündelt zu sehen bekommt.

          Publikum zahlreich und aufnahmefähig

          In diesem Jahr hatte man die Auftritte der Autoren gekürzt, was dem Abend, der auf diese Weise nach vier abwechslungsreichen Stunden schon um 22 Uhr endete, sehr gut tat. Das Publikum, das sich im Vorjahr gegen Mitternacht immer spärlicher ausgenommen hatte, blieb bis zuletzt zahlreich und aufnahmefähig. Leider war es abermals nicht gelungen, alle sechs Shortlist-Autoren in Frankfurt zu versammeln. Aber Schriftsteller haben eben viel zu tun. Rainer Merkel war verhindert und Herta Müller, die als Erste las, musste gleich nach dem Ende ihres Gesprächs mit Felicitas von Lovenberg, Leiterin der Literaturredaktion dieser Zeitung, nach Düsseldorf aufbrechen, um dort am Sonntagmorgen die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft in Empfang zu nehmen.

          Nach ihr hatten auch Norbert Scheuer, Clemens J. Setz und Kathrin Schmidt starke Auftritte. Schmidts Roman „Du stirbst nicht“ (Kiepenheuer & Witsch), die Geschichte einer Frau, die nach einem Hirnschlag im Krankenhaus erwacht und auf ganz neue Art wieder sie selbst werden muss, ist in einer Internetumfrage des „Börsenblatts“ inzwischen an Müllers „Atemschaukel“ (Hanser) vorbeigezogen. Eine Stichprobe am Urlaubsort in der Lüneburger Heide ergab am 16. September zudem, dass „Du stirbst nicht“ zu den Titeln zählte, die vor lauter Bestellungen schon am Vormittag des Tages, an dem die Shortlist in den Zeitungen stand, nicht mehr lieferbar waren. Wenn die Himmel wissen, was sie tun, ist es trotzdem Müllers Roman über die Erlebnisse eines homosexuellen Rumäniendeutschen in einem sowjetischen Arbeitslager, der am 12. Oktober mit 25.000 Euro prämiert wird und traumhafte Verkaufszahlen geschenkt bekommt. Ein Buch, das es schafft, so präzise von etwas zu erzählen, an dem man auch hätte zerbrechen können, gab es in der deutschsprachigen Literatur lange nicht zu lesen.

          „Tradition soll uns Halt geben“

          Im Vergleich mit dem Text, den Müller auf den von ihr aufgezeichneten Erinnerungen des 2006 gestorbenen Büchner-Preisträgers Oskar Pastior fortgeschrieben hat, gerieten auch Scheuers „Überm Rauschen“ (C. H. Beck) und Setz’ Roman „Die Frequenzen“ (Residenz) ins Hintertreffen, auch wenn Setz im Gespräch mit SWR2-Redakteur Gerwig Epkes als glänzender Unterhalter beeindruckte.

          Zuletzt las Stephan Thome, der es mit seinem bei Suhrkamp erschienenen Roman „Grenzgang“ als Debütant auf die Shortlist geschafft hat. Im Gespräch mit Alf Mentzer, Literaturchef des Senders hr2-kultur, arbeitete er den programmatischen Kern heraus, der sich unter der regionalen Tarnung seines in der hessischen Provinz spielenden Buches verbirgt: „Tradition soll uns Halt geben und enttäuscht uns immer wieder, weil Halt nur einer sein kann, den wir selbst hervorbringen.“ Das Publikum, in dem Frankfurts Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Die Grünen) inzwischen einen ebenso formschönen wie nützlichen schwarz-roten Fächer hervorgekramt hatte, war einverstanden und applaudierte herzlich. Wenn es so weitergeht, muss im nächsten Jahr jemand ein Kuscheltier auf die Bühne werfen.

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