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Deutsche Bibliothek : Kongenialer Krieg mit den Molchen: Hans Tichas Buchillustrationen

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Von der Hand Hans Tichas Bild:

Wenn man als westdeutsches Kind zu Weihnachten von den Verwandten aus der DDR Bücher geschenkt bekam, war man beim Auspacken auf Überraschungen gefaßt. Hatte man Pech, hieß das Buch "Wo die goldene Schildkröte tanzt" und landete wegen Betulichkeit sofort im Bücherregal.

          Wenn man als westdeutsches Kind zu Weihnachten von den Verwandten aus der DDR Bücher geschenkt bekam, war man beim Auspacken auf Überraschungen gefaßt. Hatte man Pech, hieß das Buch "Wo die goldene Schildkröte tanzt" und landete wegen Betulichkeit sofort im Bücherregal. Wenn man Glück hatte, handelte es sich um eine schön illustrierte Ausgabe von Benno Pludras "Lütt Matten und die weiße Muschel". Allen Büchern gemeinsam jedoch war eine Buchästhetik, die sich von der ansonsten gewohnten unterschied. Auch im westdeutschen Kinderzimmer hatte sich die Spaltung der deutschen Kunst in zwei unterschiedliche Ästhetiksysteme bemerkbar gemacht.

          Nun sind im Ausstellungssaal der Deutschen Bibliothek Frankfurt Buchillustrationen Hans Tichas zu sehen. Viele Jahre, eine Postmoderne und eine Wiedervereinigung später fehlt das Gefühl ästhetischer Fremdheit. Statt dessen ist das OEuvre eines bedeutenden Buchillustrators zu sehen. Noch bis zum 2. November bietet die vom Künstler konzipierte Schau einen umfangreichen Einblick in Illustrationen der vergangenen 35 Jahre. Zu Recht: Auch wenn Ticha sich vor allem als Maler versteht, so hat die Buchillustration doch sein Leben begleitet. Sein erstes Buch brachte der 1940 Geborene schon früh im Eigenverlag heraus: Auch "Das Schildbürgerbuch" von 1959 ist in der Ausstellung zu sehen. Damals studierte Ticha, der einige Jahre lang als Lehrer tätig war, noch Pädagogik in Leipzig. Zwischen 1965 und 1970 folgte dann ein Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Nach dessen Abschluß war er freischaffend in Ost-Berlin tätig. Er wurde zu einem der bekanntesten Maler und Buchillustratoren der DDR, der beiderseits der innerdeutschen Grenze bekannt war.

          Zu spüren sind in der Deutschen Bibliothek auch die Kapriolen einer Traditionslinie deutscher Kunst. In der Bundesrepublik der Nachkriegszeit galt die Buchillustration sehr bald als peripheres ästhetisches Konzept. Nur in der DDR blieb sie angesehenes künstlerisches Genre. Für die Frankfurter "Büchergilde Gutenberg" hat Ticha, der sich 1993 in Maintal-Hochheim niederließ, jedoch gerade in den vergangenen Jahren einige seiner schönsten und aufwendigsten Arbeiten geschaffen. Zu ihnen zählen "Aus dem wirklichen Leben", eine im Jahr 2000 erschienene Ausgabe von Gedichten und Prosa Ernst Jandls. Auch die Gedichte Erich Kästners aus dem Jahr 2003 sowie "Und auf einmal steht es neben dir", eine 1996 erschienene Ausgabe der gesammelten Gedichte von Joachim Ringelnatz, bestechen durch leuchtende Primärfarben, klare geometrische Formen, das Spiel mit typographischen Elementen innerhalb der illustrierenden Graphik sowie mit gelegentlichen Zitaten aus der Kunstgeschichte.

          Er neige zum Zitat, sagt Ticha, und die Kunst bestätigt ihren Schöpfer: Erinnern die Illustrationen zu einem 1977 in Berlin erschienenen Band mit Geschichten und Gesprächen Bertolt Brechts an die Neue Sachlichkeit und hier vor allem an George Grosz, so leben Brechts 1997 in Leipzig erschienene "Flüchtlingsgespräche" von konstruktivistischen Details der sowjetischen Avantgarde. Anderswo machen sich Giorgio de Chirico oder Roy Lichtenstein bemerkbar.

          Wichtiger jedoch sind Tichas immer neue Lösungen für das Verhältnis der illustrierenden Graphik zum Text. Den Höhepunkt der Ausstellung bildet die von ihm gestaltete zweite ostdeutsche Ausgabe von Karel Capeks Roman "Der Krieg mit den Molchen" aus dem Jahr 1987. Das 1936 in Prag erschienene Buch, das Thomas Mann schon bald nach seinem Erscheinen als kluge Allegorie auf die Narrheiten und die Schrecken Europas rühmte, wurde in der Bundesrepublik nie populär. Kamen ansonsten meist die Verlage mit Angeboten auf Ticha zu, so kämpfte hier der Künstler lange um den Auftrag. Erste Ideen gehen auf das Jahr 1974 zurück. Zwölf Jahre später erschien in virtuoser Typographie, mit kompliziertestem Umbruch und mit einem Feuerwerk von Illustrationen unterschiedlichster Stile eines der schönsten Bücher der deutschen Buchgeschichte, das dem polyphonen Anspielungsreichtum des Romans kongenial entspricht.

          Die Buchillustration, so Ticha, solle nicht noch einmal wiedergeben, was man gelesen habe. Illustration sei "Zutat". Der Illustrator habe die Aufgabe, "sich auf die Literatur einzulassen und eine Analogie zu ihr zu finden". Ticha antwortet der Dichte eines künstlerischen Textes oder den spezifischen Qualitäten eines Stils daher mit einer ebenso eigenständigen Kunst. Sein Anliegen, so Ticha, sei es gewesen, das Gebrauchsbuch so attraktiv zu machen, daß es auch vom Handwerklichen her einen Genuß darstelle. "Der Krieg mit den Molchen" und die Ausgaben von Kästner, Jandl und Ringelnatz zeigen, wie glänzend er dies Anliegen verwirklichen konnte. FLORIAN BALKE

          Bis 2. November. Geöffnet Montag bis Donnerstag von 10 bis 20, Freitag von 10 bis 18 und Samstag von 10 bis 17 Uhr. Am 14. September findet im Rahmen der Ausstellung um 17 Uhr ein Gespräch mit Hans Ticha statt.

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