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„Der Turm“ : Uwe Tellkamp gewinnt Deutschen Buchpreis

Der Mann mit der Mütze und sein Buch: Uwe Tellkamp Bild: Julia Zimmermann

Am Ende gewann der Favorit: Uwe Tellkamp. Dabei hatten sich viele Gäste im Frankfurter Römer bei Häppchen und Sekt noch kurz vor der Buchpreis-Verleihung von der Stimmung anstecken lassen, es könne ja auch alles ganz anders kommen, und Favoriten gingen nicht immer als Sieger durch das Ziel.

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          Am Ende gewann der Favorit. Dabei hatten sich viele Gäste im Frankfurter Römer bei Häppchen und Sekt noch kurz vor der Preisverleihung von der Stimmung anstecken lassen, es könne ja auch alles ganz anders kommen, und Favoriten gingen nicht immer als Sieger durch das Ziel. Die für den Deutschen Buchpreis nominierten Autoren schienen sich untereinander sogar darauf verständigt zu haben, Ingo Schulze werde den Preis gewinnen. Dass dann nicht dessen Wenderoman „Adam und Evelyn“ ausgezeichnet wurde, sondern Uwe Tellkamps „Der Turm“, das breitangelegte Panorama der letzten Jahre der Deutschen Demokratischen Republik, lag an der Jury. Man sei sich auf dem letzten Treffen am Sonntag relativ sicher gewesen, mit Tellkamps Roman das ungewöhnlichste Buch der sechs Shortlist-Titel auszuzeichnen, sagte Jurysprecher Rainer Moritz.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Starken Beifall erhielten „Der Turm“ und sein Autor auch vom Publikum im Kaisersaal, das die Einspielfilme zu den einzelnen Kandidaten auf Fernsehschirmen unterhalb der Kaiserbilder verfolgte. Zum giftgrünen Hintergrund der Buchpreisbühne hatte Moderator Gert Scobel im vierten Jahr des Preises keine gestreifte Krawatte, sondern ein gestreiftes Hemd gewählt. Der 1968 in Dresden geborene Tellkamp hingegen hatte sich in die sächsischen Landesfarben gekleidet und trug zum schwarzen Anzug eine gelbe Krawatte und gelbe Socken. Später setzte er noch eine von seiner Cousine angefertige Dresdner Winzermütze auf, die in seiner Heimatstadt zwar niemand mehr kenne, die aber trotzdem ein traditionelles Kleidungsstück des Elbhangs sei, von dem er stamme. Trotz seiner auffälligen Kleidung wollte Tellkamp nach der Verkündung des Preisträgers nicht allein auf der Bühne des Siegers stehen. Es sei ihm peinlich, sagte er und bat Iris Hanika, Sherko Fatah, Dietmar Dath, Rolf Lappert und Ingo Schulze zu sich hinauf. Ausdrücklich bat er darum, über dem in den nächsten Tagen unweigerlich losbrechenden Buchpreistrubel auch die Romane seiner Kollegen wahrzunehmen und angesichts des preisgekrönten Titels nicht die anderen zu vergessen.

          „Am Ende bleibt ja doch die Lyrik“

          Hatte Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder die Gattung des Romans zuvor als zur „Deutung der Zeit“ befähigte Kunstform gefeiert, so fuhr ihm Tellkamp mit der Bemerkung in die Parade, sein Dank gelte all den literarisch Unerschrockenen, die nicht Romane, sondern Lyrik schrieben. „Am Ende bleibt ja doch die Lyrik, und die Romane vergehen.“ Honnefelder wandte sich gegen die Kritik, die der vom Börsenverein des deutschen Buchhandels 2005 geschaffene Buchpreis in diesem Jahr auf sich gezogen hatte. Schriftsteller wie Michael Lentz und Daniel Kehlmann hatten sich gegen den Preis und seine Vergabemodalitäten gewandt, während Vorjahressiegerin Julia Franck aus eigener Erfahrung vor der Belastung warnte, der sich der Preisträger in den Wochen nach dem Gewinn ausgesetzt sehe. Zuletzt hatte sich Elke Heidenreich der Kritik an der Auszeichnung mit dem Argument angeschlossen, sie inszeniere die Literatur wie ein Wettrennen.

          Es sei das Verfahren der Preisvergabe selbst, das den Buchpreis angreifbar mache, hielt Honnefelder der Kritik entgegen. Die Auswahl des Preisträgers durch eine Jury mache die anderen Optionen sichtbar, auf die es ebenfalls hätte hinauslaufen können. Trotzdem wollte Honnefelder in der Vergabe der Auszeichnung den Versuch erkennen, die Bewertung von Literatur zu einer Angelegenheit der Öffentlichkeit zu machen. Zumindest die Buchbranche hat dem mit 25 000 Euro dotierten Preis in diesem Jahr abermals mehr Aufmerksamkeit gewidmet als im Vorjahr. Die Zahl der zur Teilnahme am Wettbewerb eingesandten Titel stieg um mehr als ein Drittel von 117 auf 161. Tellkamps „Turm“, der sich während der Auswahl der Longlist und der Shortlist noch in der Produktion befand, kursierte in Kurzexemplaren. Aber auch für die 973 Seiten des ganzen Romantextes werden sich von heute an noch mehr Leser finden als bisher.

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