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Schnee und Ästhetik : Weiße Pracht

Weiße Pracht: Über Frankfurt hat sichzuletzt ein Zauber gesenkt, der selten geworden ist in den tieferen Lagen. Bild: Lucas Bäuml

Immerhin ein kleiner Wintereinbruch hat in der Nacht zum Dienstag die Stadt verzuckert. Historisch und literaturgeschichtlich betrachtet, bringt Schnee jedoch vorwiegend allerlei Beschwernisse mit sich.

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          Ein Fall für das Fachgebiet empirische Ästhetik: Findet die Mehrzahl der Erdbewohner Schnee so wunderbar und herrlich, so fabelhaft und wonniglich wie die Menschen aus unserer näheren Umgebung, die vor lauter Entzücken den Blick von der weißen Pracht nicht mehr wenden wollten? Über Frankfurt hatte sich ein Zauber gesenkt, der selten geworden ist in den tieferen Lagen.

          Schon vor vielen Jahren stellte sich uns die Frage, ob die Firma „Junior, Ibel Lotz“ mit ihrem Geschäftsmodell ein Ein- und Auskommen hatte, prangten doch allenthalben Schilder an den Zäunen, die davon kündeten, dass sie vor diesem Haus und in jenem Hof den Schnee räumte. Ob es noch Immobilienbesitzer gibt, die immer im Herbst damit rechnen, derlei Dienste zu benötigen?

          Nun war es auch dieses Mal nicht der ganz große Wintereinbruch, der in der Nacht zum Dienstag die Stadt verzuckerte, aber immerhin ein kleiner. In der mittelgebirgigen Umgebung sorgte das vom Himmel geworfene Pulver für die üblichen Verkehrsschrecknisse, in der Stadt aber war der Schneebelag moderat, die flockigen Massen ließen sich morgens zudem leicht von der Windschutzscheibe schieben. So dass das natürliche Weiß auch notorische Personenkraftwagenfahrer in seinen Bann zog. Wir erinnerten uns an den asiatischen Kommilitonen, der einst voller Begeisterung vom Schnee sprach, den er in einem Film über Deutschland gesehen hatte, was ihn veranlasste, sich hier spornstreichs um einen Studienplatz zu bemühen.

          Das Kitschbedürfnis stillen

          Aber wird es, liebe empirische Ästhetiker, die ihr an einem Universitätsinstitut in Frankfurt forscht, auch allen oder den meisten oder doch sehr vielen Männern, Frauen, Kindern in allen möglichen Weltgegenden warm ums Herz, wenn sie eine Schneekugel schütteln? Oder müssen wir da schon genau unterscheiden zwischen emotional wirkenden Naturereignissen und den ästhetisch fragwürdigen Objekten, die mangels realen festen Niederschlags unser Kitschbedürfnis stillen?

          Bilderstrecke
          Ungewohntes Schneetreiben : Winter-Wunderland Frankfurt

          Historisch und literaturgeschichtlich betrachtet, bringt Schnee vorwiegend allerlei Beschwernisse mit sich, und als Leichentuch, das sich über die Landschaft legt, hat mancher Poet das meteorologische Phänomen beschrieben. Im Reich der Schneekönigin, so will es das Märchen von Hans Christian Andersen, gefrieren einem nicht nur die Glieder, sondern auch die Gefühle. Von süßlichem Glitzer ist da nichts zu spüren, funkelnd und kalt wird die Welt zu einem unwirtlichen Ort. Wie im Hier und Heute ein von Lawinen betroffenes Gebiet.

          Naturgewalten lassen sich nicht wirklich einhegen. Auch nicht, wenn es um die innere Natur geht. Der Schnee von gestern ist der Matsch von morgen. Womit wir bei der Psychoanalyse wären, die aus dem emotionalen Wirrwarr der Gegenwart das Verdrängte aus der Vergangenheit zutage fördert. In den Individuen wie im Kollektiv. Das sich, watend im Matsch, betroffen daran erinnert, dass es einmal Winter gab.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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