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„Wörtermeer“ in Frankfurt : Der Ozean braucht mehr Matrosen

Lotsen im „Wörtersee“: Literaturhaus-Mitarbeiter Lisa Schumacher und Benno Hennig von Lange Bild: Michael Braunschädel

Nicht in der Schule, sondern mitten im Leben lernen wir. Zum Beispiel in der Reihe „Wörtermeer“, die das Literaturhaus Frankfurt erstmals für die ganze Region anbietet. Lisa Schumacher und Benno Hennig von Lange sind die Lotsen.

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          Das Pausenbrot ist mitzubringen. Wer im Literaturhaus Frankfurt von Februar bis Juni an den Veranstaltungen der Reihe „Wörtermeer“ teilnimmt, nimmt Mineralwasser und Säfte auf Kosten des Hauses zu sich, den Rest haben die Schüler selbst dabei. Schon zum dritten Mal organisiert das Literaturhaus die Reihe, an der sich erstmals alle weiterführenden Schulen des Rhein-Main-Gebiets beteiligen können. Noch bis Freitag dieser Woche haben Lehrer sämtlicher Schulformen Gelegenheit, ihre Klassen für einen der acht Workshops des „Wörtermeers“ anzumelden. Sie richten sich an Schüler unterschiedlicher Altersgruppen von der fünften Klasse bis zur Oberstufe.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Es ist eine schöne Ergänzung zu dem, was an der Schule stattfindet“, sagt Benno Hennig von Lange. Er hat die Reihe zusammen mit seiner Kollegin Lisa Schumacher organisiert. Sie betreut sonst das „Kolleg Schöne Aussicht“, zu dessen Veranstaltungen zwei Dutzend Lehrer seit 2011 einmal im Monat im Literaturhaus zusammenkommen, er kümmert sich um das „Junge Literaturhaus“, dessen Schreibwerkstätten es noch länger gibt als das Kolleg und dessen Lesungen für Kinder im Jahr rund 1400 Besucher zählen. Die gemeinsame Reihe mit ihren bislang etwa 800 Teilnehmern kombiniert die Zusammenarbeit mit Lehrern und Schülern.

          Hilfe durch Stiftung

          Wie das Meer im Jahr 2016 zu wogen begann, ist eine der Seemannsgarngeschichten aus der Welt der Drittmittelbeschaffung, die Kultureinrichtungen immer geläufiger zu erzählen wissen. In diesem Fall geht sie so: Begonnen hat die Reihe mit Fördergeld des Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main. Dessen Programm „Kunstvoll“, für das Kultureinrichtungen und Schulen sich seit gestern abermals gemeinsam bewerben können, kommt allerdings eher Projekten zugute, die von den Institutionen zusammen mit einer einzigen Schule veranstaltet werden. Für das Literaturhaus war das im ersten Jahr das Gymnasium Riedberg, im zweiten kam durch zusätzliche Mittel der Dr.-Marschner-Stiftung die Leibnizschule in Offenbach hinzu.

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          Für eine abermalige Bewerbung beim Fonds gab es schließlich keinen Zuschlag mehr. Er erfolgte stattdessen durch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die das „Wörtermeer“ in diesem Jahr mit 15. 000 Euro fördert und sich dafür aussprach, das Angebot an so viele Schulen zu richten wie möglich. Das kam den Wünschen des Literaturhauses entgegen, das die Veranstaltungen gerne für eine einzige Schule organisiert hat, die acht Workshops aber ebenso freudig auf Klassen aus acht Schulen verteilt. „Wir ermöglichen es ihnen, Erfahrungen zu machen“, sagt Hennig von Lange: „Sie lernen Menschen kennen, die mit Sprache arbeiten.“

          Wie wiedergeben, das mir wichtig ist?

          Der Comiczeichner Ferdinand Lutz ist zum dritten Mal dabei. In seinem Workshop für fünfte und sechste Klassen geht es vom 6. bis 8. Februar um das Erzählen einer kleinen Geschichte, die die Schüler mit nach Hause nehmen können. „Er fängt bei Platon an, und um 13 Uhr gibt es fertige Comics zu sehen“, sagt Hennig von Lange, der das Mitbetreuen der Kurse ebenso erfreulich findet wie Schumacher: „Es macht uns Spaß, dabei zu sein und zu gucken, was diesmal passiert.“ Auch der Kurs „Journalistisches Schreiben“ (neunte und zehnte Klasse, 27. Februar bis 1. März) dient dem Erproben eigener Fähigkeiten: „Wie gehe ich mit dem um, was mir an Nachrichten präsentiert wird? Wie kann ich etwas wiedergeben, das mir wichtig ist?“

          Das „Literarische Übersetzen aus dem Englischen“ für einen Leistungskurs am 27. April und der Poetry Slam mit Dalibor Marković (Oberstufe, 11. bis 13. Juni) gehen ebenfalls in diese Richtung. Die Schreibwerkstatt mit Arne Rautenberg (siebte bis neunte Klasse, 20. bis 22. März) zieht es wie jedes Jahr ins Museum. Dieses Mal geht es in die Basquiat-Ausstellung, die in der Schirn-Kunsthalle von Mitte Februar an zu sehen ist. Was in der Schau aufgeschnappt wird, dient danach als Grundlage für eigene Texte: „Wir geben viele kleine Impulse – es ist etwas Kurzes, das lange vorhalten soll. Für uns ist es deshalb besonders schön, wenn wir sehen, da ist etwas passiert, hier in diesem Haus, das an der Schule nicht passiert wäre.“

          Dazu trägt die repräsentative Architektur des im Krieg zerstörten und erst 2005 wiederaufgebauten Literaturhauses nicht wenig bei. Die Schüler fühlten sich in einer solchen Umgebung „gewürdigt“, hat Schumacher beobachtet. Sie freut sich besonders auf den Workshop „Die Kunst des Vortragens“ von Lenka Wolf, die mit einer neunten Klasse vom 17. bis 19. April das Sprechen von Gedichten übt. Sie zeigt ihnen, wie man Stimme und Körpersprache einsetzt, um dem Text gerecht zu werden, und dabei lernt, vor anderen zu bestehen: „Da kann man gut beobachten, was eine Prise Mut mit einem macht.“

          Die Nachfrage nach den Veranstaltungen ist groß. Gibt es für eine von ihnen zu viele Bewerber, entscheidet das Los. Bislang zeigen Gymnasien, Gesamtschulen und Privatschulen aus Frankfurt und der Region Interesse. Eine Realschule ist ebenfalls dabei, aber noch keine Hauptschule. Ginge es nach Hennig von Lange und Schumacher, ändert sich das bis Freitag. Ihre Telefonleitungen sind offen.

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