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„Frühstück bei Kellermanns“ in der „Komödie“ : Der Mann kann keinen Kaffee kochen

In der Frankfurter „Komödie“ hat das Stück „Frühstück bei Kellermanns“ Premiere: Heidi Mahler und Michael Koch spielen ein Paar, dessen Kinder geworden sind. Neue Lebensentwürfe sind gefragt.

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          Dann und wann bricht die Hamburger Intonation durch, und ein Hauch von Ohnsorg-Theater weht durch die Frankfurter Komödie. Sonst aber wurde das Stück behutsam an die Verhältnisse im Rhein-Main-Gebiet angepasst, in dessen größter Stadt nur der Name Offenbach fallen muss, um Heiterkeit hervorzurufen. So hat Tochter Bärbel, gerade achtzehn Jahre alt geworden, bei einer Freundin in ebenjener Nachbargemeinde der Finanzmetropole übernachtet. Dem Vater missfällt das sehr. Die Mutter nimmt es gelassen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Sonntagmorgen könnte, da der Sohn schon vor einiger Zeit das familiäre Nest verlassen hat, eine Zeit der gemütlichen Zweisamkeit werden, aber Rudi will sich mit dem Zustand nicht anfreunden und beklagt die Abwesenheit seiner Sprösslinge sowie die mangelnden Erziehungskünste seiner Gattin. So ist das „Frühstück bei Kellermanns“, wie Ursula Hauckes Komödie heißt, für das in die Jahre gekommene Paar nicht das reine Vergnügen. Die Verhaltensweisen sind eingefahren, die Auffassungen zementiert, das Spiel zwischen Mann und Frau ist zum Ritual geworden. Dennoch ist unverkennbar: Nach 23 Jahren Ehe ist die Liebe nicht erloschen. Und Überraschungen gibt es immer wieder.

          Wie aus dem echten Vorstadt-Reihenhaus gegriffen

          Heidi Mahler und Michael Koch sind auch im wirklichen Leben verheiratet. Dies mag mit ein Grund dafür sein, dass ihre Darstellung so glaubhaft ist. Lotte und Rudi Kellermann sind nah am real existierenden Kleinbürgertum gebaut. Der Realismus, auch der des Bühnenbilds, ist frappierend. Die beiden wirken wie aus dem echten Vorstadt-Reihenhaus gegriffen. Was sie so ungemein sympathisch macht, ist zunächst einmal der liebevolle Blick, den die Autorin auf ihre Figuren wirft. Später auch der Umstand, dass sie letztlich aus der neuen Situation etwas machen und nach einem Glück suchen, das sich jenseits der Elternschaft eröffnet. Es ist ein kleines Glück. Aber für Lotte und Rudi Kellermann ein gewaltiger Schritt. Bis dahin sind es allerdings vier Akte.

          Vor allem mit Lotte geht eine bemerkenswerte Veränderung vor. Sie wird in der von Félicie Lavaulx-Vrécourt ausgestatteten, von Heidi Mahler selbst geleiteten Inszenierung mit leisen Mitteln angedeutet. Ein Schenkelklopfer-Stück ist das nicht. Eher eines, bei dem die weiblichen Zuschauer ihren männlichen Begleitern den Ellenbogen in die Seite rammen, um diese auf ihre Seelenverwandtschaft mit Rudi hinzuweisen. Gewiss – kein Klischee der zwischengeschlechtlichen Beziehung wird hier ausgelassen. Aber über Hinweise, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus stammen, wird immer wieder gern gelacht.

          So ist Rudi nicht in der Lage, einen ordentlichen Filterkaffee zu kochen, und Lottes Auszug aus dem gemeinsamen Schlafzimmer und Einzug ins ehemalige Kinderzimmer kann er nicht anders denn als Liebesentzug deuten. Dabei will sie nach zwei Jahrzehnten nur einmal in Ruhe schlafen. Das gänzlich klamaukfreie, von den Schauspielern perfekt in Szene gesetzte Zweipersonenstück erzählt auf unprätentiöse Weise vom Gelingen einer Emanzipation. Der Boulevardbühne sei Dank, dass sie nicht zum Geschlechterkrieg, sondern geradewegs zur Frühstücksharmonie führt.

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