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„Der kleine dicke Ritter“ : Drachen, Lachen, Grusel machen

Gewürzt mit britischem Humor: „Der kleine dicke Ritter“ Bild: Jessica Schäfer

Ein ungewöhnlicher Stoff voll von britischem Humor und eine große Show mit versöhnlichem Ende: „Der kleine dicke Ritter“ am Schauspiel Frankfurt.

          2 Min.

          Demokratie ist, wenn alle den einen, den sie nicht dabeihaben wollen, rausschicken und dann hinter seinem Rücken beschließen, wie sie ihn endgültig loswerden können. Sage noch einer, man könne in einem Weihnachtsstück nichts fürs Leben lernen! Die Kinder im Publikum begreifen natürlich sofort, dass es mit dem Demokratieverständnis des Herzogs ebenso schlecht bestellt ist wie mit dem des fiesen Barons Bulligrob. Schon dessen Name verrät nichts Gutes, und auch vor seiner rechten Hand, dem Edelknecht Schwarzherz, nimmt man sich besser in Acht.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sprechende Namen gibt es zuhauf in Robert Bolts „Der kleine dicke Ritter“. Schon Oblong von Oblong, wie er heißt, ist schließlich ein Scherz: Länglich ist nichts an dem Ritterchen, das Drachen liebt und viel zu pflichtbewusst ist. Weshalb er dem Faulenzerherzog im Wege steht. Mit der von britischem Humor getränkten Rittergeschichte, die Bolt 1963 verfasste, hat sich das Schauspiel Frankfurt einen ganz und gar ungewöhnlichen Stoff für das diesjährige Vorweihnachtsstück ausgesucht. Geeignet, die Möglichkeiten eines großen Theaters aufzufahren: Drehbühne, Effekte und vor allem ein Ensemble, gewillt, die ganz Jungen und die Älteren zu bannen.

          Aanderthalb pausenlose Stunden

          Ein Herzenswunsch des Regisseurs Fabian Gerhardt, der als Kind ein Oblong-Fan war, soll das Stück gewesen sein. Und in Christoph Pütthoff, der mit ausgestopftem Wams und blonder Topffrisur über die Bühne kobolzt, verfügt das Frankfurter Ensemble gewissermaßen über einen idealtypischen Oblong. Pütthoff zeigt ihn anderthalb pausenlose Stunden lang mit Schwert und Aktenmappe, gewitzt und naiv, ein durch und durch Guter, der die Insel Bulligrob vor der Tyrannei des Barons retten soll, mal mit Tangoschritten und Gesang, mal mit Tricks und waghalsigen Klingenduellen. Als einzige nicht ambivalente Figur ist er dafür zuständig, als Sympathieträger die Spannung immer wieder herunterzuregeln.

          Denn es geht, mit Knall und Rauch, mit Video- und Lichteffekten und mit zitternden Handpuppen als Untertanen (Puppenspiel Nathalie Wendt und Caspar Bankert) ganz schön gruselig zu auf Bulligrob. Da mag André Meyer als großartiger Komiker das Blödsinnige seines Schwarzherz hervorkehren – er ist eben zugleich ein williger Vollstrecker des Bösen, in dem die Erwachsenen auch faschistische Züge erkennen können. Eine lila Hexe namens Moloch (Laura Teiwes) hantiert mit Gift und frisst im Video Spinnen, der rotgelockte Baron Bulligrob (Wolfgang Vogler) schreckt nicht vor Mord zurück und quält Untertanen wie Obadja (Andreas Grießer).

          Oder raucht er nur?

          Dass er sich dabei höchst täppisch anstellt, ein Gernegroß, macht ihn doch nicht weniger gefährlich. Sogar der hübsche rote Drache Bonzo (Kostüme Laura Kirst) von Annika Grüschow ist eine ambivalente Figur. Beißt er doch mal? Oder raucht er nur? Nicht zuletzt haust ein Drache auf Bulligrob, der sich dank einer Videoanimation direkt im Bühnenbild (Christian Wiehle) befindet und praktisch alle im Zuschauerraum fressen könnte.

          Gerhardt dreht die Schauereffekte auf, eine ziemlich hohe Dosis für junge Zuschauer von sechs Jahren an. Aufgefangen wird das mit einem versöhnlichen Lied zum guten Ende, das sich bestens als Zugabe zum Mitklatschen eignet. Dramaturg Konstantin Küspert hat eine flotte, neu übersetzte Fassung geschrieben, was er in einem auf das junge Publikum zugeschnittenen Programmheft ebenso prima erklärt wie all die Abläufe, die es braucht, um den „kleinen dicken Ritter“ auf die Bühne zu bringen. Leider verliert sich die Einfachheit der Sprache auf der Bühne sehr rasch. Nicht nur Schwarzherz dürfte Schwierigkeiten haben, den fremdwortgespickten Sätzen zu folgen, die Moloch und Bulligrob von sich geben. Zum Ausgleich gibt es das aus dem Kasperltheater bewährte „Hinter dir!“-Spiel mit dem jungen Publikum. Es ist eben nicht jeder Hut so alt, dass er abgeschafft werden müsste.

          Nächste Vormittagsvorstellungen diesen Dienstag und Mittwoch, Nachmittagsvorstellungen an Sonntagen jeweils um 14 und 17 Uhr, letzte Vorstellungen am 25. Dezember um 14 und 17 Uhr.

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