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Oper : „Der Horror hat eine Perle geboren“

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Öffnen eine Tür ins Leben: Regisseur Christoph Quest (li.) und Dirigent Yuval Zorn Bild: F.A.Z. - Christian Burkert

Die Kammeroper „Weiße Rose“ handelt von der letzten Stunde vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl. Das Werk hat am Freitagabend im Bockenheimer Depot Premiere.

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          Der Komponist, Dirigent und Opernintendant Udo Zimmermann überlegte sich sehr genau, wie er in seiner Oper „Weiße Rose“ „die Jugend erreichen könnte“. Nun haben sich 28 Lehrer und 700 Schüler der Bensheimer Geschwister-Scholl-Schule in einem fächerübergreifenden Projekt originell und kreativ auf die Thematik der Oper und ihre geschichtlichen und ethischen Hintergründe eingelassen:

          Die Schüler haben Sophie und Hans Scholls berühmte Münchner Flugblätter künstlerisch nachgestaltet. Zweieinhalbtausend Exemplare werden heute bei der Premiere der „Weißen Rose“ im Bockenheimer Depot Bestandteil von Caspar Glarners Bühnenbild sein, vor allem an einer hohen Eingangspforte, die alle Zuschauer durchschreiten müssen. Regisseur Christoph Quest nennt sie im Gespräch mit dieser Zeitung „das Tor von Ninive“, der biblischen „Stadt des Blutvergießens“.

          Quests erste Opernregie

          Christoph Quest, der Schauspieler, den die Frankfurter Opernbesucher als Bassa Selim in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und traumatisierten Geiger in Marc Neikrugs Musikdrama „Through Roses“ kennen, hat sich in seiner ersten Opernregie eigenwillige Gedanken zu Zimmermanns Duodrama gemacht. Wie die Bensheimer Schüler hat er das Thema mit der Verteidigung von Werten in Verbindung gebracht, die in unserer Kultur, auch für die Geschwister Scholl, von Antike und Christentum herrühren.

          Auch Menschenwürde und Lebensfreude gehören für den Regisseur zu diesem Themenkreis: „Die Scholls“, so fasst er diese Erkenntnis zusammen, „sind ihrer persönlichen Verantwortung sich selbst und dem Leben gegenüber gefolgt. Denn du kannst kein Leben erschaffen, also darfst du nicht töten. Der Horror des Dritten Reiches hat eine Perle geboren – Sophie Scholl.“ Der Einsatz der Scholls für Menschlichkeit öffne in der letzten Stunde vor dem gewaltsamen Tod der Geschwister „ihnen und uns eine Tür ins Leben – das bedeutet Heiterkeit und Leichtigkeit, eine Katharsis“.

          Caspar Glarners Bühnenbild, das Quest einen „heiligen Raum“ nennt, entspreche diesem Gedanken mit der Auflösung der Zellenwände am Schluss und einem Lichteinfall. Zweifach greift Quest in die Oper ein: Mit dem Einfügen zweier Vollzugsbeamter, die das Zeichen zum Zellenschließen und später zur Hinrichtung geben, will er andeuten, dass letztlich nicht das Gesetz, sondern die Menschen ihresgleichen töten. Und der ebenfalls hinzugefügte stumme Schauspieler Dominic Betz als Mitverschworener Christoph Probst, der am gleichen 22. Februar 1943 hingerichtet wurde wie die Scholls, drücke die innere Bewegung der letzten Stunde „körperlich expressiver aus als die Sänger“ Britta Stallmeister und Michael Nagy.

          Botschaft aus einer anderen Welt

          Udo Zimmermann, der 1943, im Schicksalsjahr der Scholls, geboren wurde, habe „eine konzentrierte und kristallisierte Musik geschrieben“, erzählt der israelische Dirigent Yuval Zorn, „die uns mit scheinbar vertrauten Idiomen und mit Klangsymbolen in emotionale Innenwelten einlädt“. Dazu zählt er den Orchesterschlag zu Beginn der Oper, der „wie mit einem Fallbeil die Grenze zwischen Außen- und Innenwelt markiert“. Zorn nennt auch den unheimlich verzerrten Walzer zu Sophies Kinderlied in der fünften Szene. Anders als in Ravels „La valse“, wo der Tanz sich erst allmählich zersetze, sei der Walzer hier von Anfang an zerstört. Die von Zimmermann selbst zugegebene Anspielung auf Heinrich Schütz im Gebet der zwölften Szene verweise auf die christliche Wertewelt der Scholls. Aber das orchestrale Umfeld mit seinen verrückten Linien und schrillen Klangsplittern zerfetze die reine, zuversichtliche Schütz-Welt im Duett der Geschwister.

          In den Extremen von Dynamik, Zeitverläufen, Tonhöhen und Eruptionen in die Stille hinein spiegle sich die Grenzsituation der Scholls zwischen Leben und Tod. Der bis zum Äußersten gesteigerte, oft aber auch wie aus dem Nirgendwo heranwehende und dahin zurücksinkende Klang kommt Yuval Zorn vor wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. „Aber wir wissen nicht“, sinniert der Dirigent, „ob diese Welt gut oder böse ist. Die Musik lässt dies offen, und sie öffnet sich für verschiedene Erfahrungen und Deutungen.“ Für den 1976 geborenen Künstler, der an der Jerusalemer Rubin-Musikakademie Klavier und Dirigieren studierte und bisher vor allem in England wirkte, ist dies die erste Arbeit in Deutschland, dem Land, aus dem seine Großeltern stammen, Generationsgenossen der Geschwister Scholl. Yuval Zorn ist sich bewusst, dass die Auseinandersetzung mit Udo Zimmermanns „Weißer Rose“ im Land seiner Vorväter ihn zu seinen eigenen Wurzeln führt.

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