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„Der Gott des Gemetzels“ : Der menschliche Makel

Szene aus „Gott des Gemetzels” von Yasmina Reza am Staatstheater Wiesbaden Bild: Marin Kaufhold/Staatstheater Wiesbaden

Yasmina Rezas Erfolgsstück „Der Gott des Gemetzels“ ist auf dem Weg rund um den Globus am Staatstheater Wiesbaden angekommen. Dort hat Ricarda Beilharz Regie, Bühne und Kostüme übernommen.

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          Die Rezaisierung auch der hiesigen Theaterwelt geht weiter: Kaum ist „Der Gott des Gemetzels“ am Frankfurter Fritz Rémond Theater abgespielt, streiten die Houillés mit den Reilles und miteinander am Staatstheater Wiesbaden, wo 2005 schon Yasmina Rezas „Ein spanisches Stück“ seine deutsche Erstaufführung erfahren hat.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun hat die Tochter des Wiesbadener Intendanten, Ricarda Beilharz, „Der Gott des Gemetzels“ nicht nur inszeniert, sondern auch Bühne und Kostüme entworfen. So treffen die Reilles, Annette und Alain, im weißen Bühnenkubus auf die Houillés, Véronique und Michel, deren Sohn der ihre in einer Prügelei um zwei Zähne erleichtert hat. Man will in aller Ruhe darüber sprechen. Was schiefgeht und nicht zwei Parteien zurücklässt, sondern vier: Jeder gegen jeden. Doch wenn, ganz am Ende, die hintere Bühnenwand zusammenkracht, um die kleine Hölle der vier Protagonisten ins diffuse Schwarz wachsen zu lassen, ist das doch eher ein Missverständnis. Denn der größte Clou an Rezas bürgerlich ausstaffierten Höllen ist doch eigentlich, dass niemand, der in ihnen hockt, auch nur eine Möglichkeit hat, aus ihnen herauszuwandern - nicht einmal ins dunkle Unbekannte. Das ist, im Fall von „Der Gott des Gemetzels“, einzig einem kleinen Hamster vorbehalten, den Michel Houillé im Rinnstein ausgesetzt hat. Was ihm von seiner Frau und Annette in plötzlicher Solidarität den Titel „Mörder“ einträgt.

          Weiß, Ecru, Beige sind nicht nur bei Beilharz die Bühnenfarben der Saison. Der helle Farbton ist derzeit angesagt, vor allem, wenn von den dunklen Flecken, dem menschlichen Makel, erzählt wird. Darin, das auf höchst unterhaltsame Weise zu tun, ist Reza derzeit unumstrittene internationale Spitze. Boulevard im allerbesten Sinne, bedienen sich ihre Stücke der vermeintlich festen gesellschaftlichen Regeln, um die menschlichen Abgründe freizulegen. Es sind die Regeln des Hier und Jetzt, und wo sich alle auf denselben - hellen - Lack geeinigt haben, kann um so lustvoller daran gekratzt werden, ob in Paris oder London, New York oder eben Wiesbaden. Von ein paar Französismen abgesehen funktionieren Rezas knapp besetzte und perfekt gebaute Stücke global, ihre präzise Sprache scheint Übersetzungen mühelos zu verkraften.

          Yasmina Reza

          Das Handy landet in der Blumenvase

          Ricarda Beilharz hält sich denn auch mit allzu forschen Regieeingriffen zurück und kann sich auf ihre vier soliden Darsteller prima verlassen - wobei die Idee, dem Konversationstheater physische Kontraste hinzuzugesellen, der Wiesbadener Inszenierung nicht übel steht: Lars Wellings und Michael Günther als Alain und Michel spielen oben auf der Rampe in plötzlicher Eintracht Kinderspielchen, Doreen Nixdorf als Annette rollt ebenso die Schräge hinab wie Michel - schließlich dürfen diese beiden Figuren die größten Entgleisungen durchleben. Annette erbricht sich über Véroniques heißgeliebte Kunstkataloge, ein Schockeffekt, der gleich noch einmal wiederholt wird. Und Michel wandelt sich mit Gebrüll vom gutmütigen Pantoffelhelden zum Wohnzimmersadisten.

          Die Kippmomente in Beilharz' Inszenierung folgen verlässlich dem Text, einzig Véronique, die über das Elend Afrikas schreibt, wirkt bei Monika Kroll als verbissen am Gutmenschentum festhaltende Supermutter zwar aus einem Guss, wenngleich etwas zu abgeklärt für diese Zimmerschlacht. Lars Wellings' Telefonate als karrierefixierter Wirtschaftsanwalt Alain könnten zwar cooler sein, sorgen aber ebenso für Tempo und Struktur wie die Ausbrüche Michels und Annettes. Bis Annette das Handy in der Blumenvase ersäuft und bald die Tulpen in rasender Wut auf ihren Mann wirft. Der kniet sich hin, um mit entschuldigendem Blick geknickte Blüten und Blätter zusammenzuklauben. Ein Bild für das Stück, bitter und böse und gleichzeitig hinreißend komisch. Die Heiterkeit des begeisterten Premierenpublikums jedenfalls kannte keine Grenzen.

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