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„Der Elefant“ im Schauspiel Frankfurt : Wir haben darüber geredet

Inszeniert „Der Elefant” im Schauspiel Frankfurt: Oliver Kraushaar Bild: Frank Röth

Manchmal schafft das Theater es doch noch, seine Zuschauer zu verblüffen, auch wenn seine exzesserprobten Regisseure ansonsten ebenso blasiert sind wie seine exzessgewohnten Besucher abgebrüht. So bei Oliver Kraushaars „Der Elefant“ im Schauspiel Frankfurt.

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          Manchmal schafft das Theater es doch noch, seine Zuschauer zu verblüffen, auch wenn seine exzesserprobten Regisseure ansonsten ebenso blasiert sind wie seine exzessgewohnten Besucher abgebrüht. Einen kurzen und faszinierenden Augenblick des Innehaltens gab es auch bei der Uraufführung von Oliver Kraushaars Theaterprojekt „Der Elefant“ im Zwischendeck des Schauspiels Frankfurt. Eine Dreiviertelstunde lang hatte die Produktion der „Nachtschwärmer“-Reihe bis zu diesem Zeitpunkt wild vor sich hin gewogt, eine Dreiviertelstunde lang hatte man sich gefragt, unter welchem Stein das grottenschlechte Stück wohl hervorgekrochen sei, und einige intensiv herausgespielte Momente eher widerwillig bewundert.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dann plötzlich begrüßte Kraushaar, der sich in der zweiten der beiden Szenen schon unter sein Ensemble gemischt hatte, die Zuschauer und teilte ihnen mit, dass sie Gäste eines Experiments gewesen waren. Wer bis dahin gedacht hatte, er habe eine Auseinandersetzung mit der in den vergangenen Jahren um sich greifenden Jugendgewalt gesehen, deren Titel auf Gus van Sants „Elephant“ anspiele, den Film über den Amoklauf an der Columbine High School in Littleton, dem erklärte der Regisseur nun, was er und seine Ensemblekollegen ihm wirklich gezeigt hatten. Vorgeführt worden waren den Zuschauern zwei Theaterszenen aus der Hinterlassenschaft Seung-Hui Chos, der im April dieses Jahres an der Technischen Universität von Virginia in Blacksburg bei einem Amoklauf 32 Menschen tötete.

          Im besten Sinn aufklärerischer Effekt

          In diesem einen auf Kraushaars Enthüllung folgenden erhellenden Moment bewunderte man die Idee, dem von Cho für das Theater gedachten Material zumindest ein einziges Mal die Darstellung auf der Bühne zuzugestehen. Immerhin ließ sich die Intensität der Gewaltvorstellungen, die seine Gefühlswelt geprägt haben müssen, auf diese Weise viel besser begreifen als bei einer reinen Lektüre der Texte. Leider wurde dieser eindrucksvolle und im besten Sinn aufklärerische Effekt sogleich zunichte gemacht.

          Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich Moritz Peters als an seiner Umwelt verzweifelnder John und Ruth Marie Kröger, Andreas Haase und Özgür Karadeniz als seine Gegenspieler und Leidensgenossen auf Jana Lünsmanns Bühne aus Baugerüststützen wacker behauptet. Nun jedoch sollten die Zuschauer mit ihnen, dem Regisseur und Dramaturg Marcel Luxinger darüber diskutieren, was Chos Machwerk ihnen zu sagen habe. Dazu hatten Teile des Publikums keine Lust, anderen standen nur gefühlige Gewissheiten zur Verfügung, wieder andere korrigierten zickig die Wahrnehmungen ihrer Vorredner. Das Ensemble, das sich mit dem Text am besten auskannte, wusste auch nicht recht weiter. Vielleicht laufen die Gespräche in Zukunft besser, wenn das Publikum weiß, was auf es zukommt.

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