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„Carmen la Cubana“ : Das Schicksal herausgefordert

Liebe oder Tod: Szene aus „Carmen la Cubana“ Bild: Nilz Boehme

„Carmen la Cubana“ ist nun in der Alten Oper Frankfurt zu sehen. Herausragend ist vor allem die Verwandlung von Bizets Komposition in ein Kaleidoskop der reichen Musiktradition Kubas.

          Das Leben ist wie eine Blumenwiese und Carmen wie ein Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flattert, hier mal nascht, hier mal verweilt, um dann doch weiterzufliegen. Carmens Blüten sind allerdings Männer. Lebenslustig und lebensdurstig stürzt sich die junge Frau, die in einer Tabakmanufaktur in der Provinz von Santiago de Cuba arbeitet, in ein Liebesabenteuer nach dem anderen. Einfangen lässt sie sich jedoch nicht, da ist sie resolut, auch wenn sie manchen Kerl ins Unglück stürzt.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Figur der schicksalhaften Carmen fasziniert, seit der französische Schriftsteller Prosper Mérimée ihre Geschichte in einer 1845 erschienenen Novelle erzählte. Die diente dem französischen Komponisten Georges Bizet als Vorlage für seine 1875 uraufgeführte Oper „Carmen“, die sich bis heute wegen ihrer eingängigen Melodien und Arien, die Bizet selbst ja als „Chansons“ bezeichnete, großer Beliebtheit erfreut. Bizets Bühnenwerk ist aber nicht nur ein Evergreen des Opernrepertoires, sondern diente auch im Genre Musical schon als Vorlage, etwa für Oscar Hammersteins jazz-inspirierte Adaption „Carmen Jones“, die 1943 am Broadway uraufgeführt und 1954 mit Dorothy Dandridge und Harry Belafonte in den Hauptrollen verfilmt wurde. Hier war Carmen keine spanische Zigeunerin mehr, sondern eine schwarze Näherin in einer Fallschirmfabrik in North Carolina.

          Wurzeln im spanischen Liedgut

          Hammersteins Adaption diente nun wiederum als Inspiration für eine Musical-Variante von Bizets Oper, die auf Kuba spielt. „Carmen la Cubana“ heißt diese Adaption, die auf eine Idee des britischen Opern- und Musical-Regisseurs Christopher Renshaw zurückgeht, der von den kubanischen Wurzeln eines der berühmtesten Motive in Bizets Komposition fasziniert war. Die „Habanera“ geht auf spanisches Liedgut zurück, das Bizet, der niemals in Spanien und auch niemals auf Kuba war, vermutlich für eine Volksweise gehalten hatte. „El arreglito“ des spanischen Komponisten Sebastián de Yradier war aber tatsächlich unter dem Eindruck einer Karibikreise geschrieben worden, bei der Yradier auf eine charakteristische kubanische Tanzform, die „Habanera“, gestoßen war und daraufhin das Lied in dem für den Tanz typischen Zweivierteltakt gesetzt hatte.

          Renshaw wollte nun aber nicht nur Bizets Oper auf Kuba spielen lassen, sondern insgesamt eine kubanische Version des Stoffs, was in einem mehrere Jahre dauernden Produktionsprozess schließlich mit einer kleinen Sensation endete, nämlich Kubas erstem Musical, ein Genre, das auf der Insel lange verpönt, weil zu amerikanisch, war. Das Beharren auf der Idee hat sich ausgezahlt, wie nun in der Alten Oper Frankfurt überprüft werden kann, wo „Carmen la Cubana“ noch bis einschließlich Sonntag aufgeführt wird.

          Atemberaubende Frau

          Renshaw hat das Geschehen ins Jahr 1958 und damit in den Vorabend der Kubanischen Revolution verlegt. Die Aktionen der Rebellen sind auch in einer Garnison auf dem Land nicht verborgen geblieben, wenngleich sich die Soldaten noch langweilen und auf ein Amüsement mit den Tabakdreherinnen in der nahegelegen Manufaktur aus sind. Nur der Soldat José (Saeed Mohamed Valdés) gibt sich zurückhaltend, ist er doch mit der braven Marilù (Cristina Rodriguez Pino) verlobt, die ihn nach Hause zur kranken Mutter lotsen möchte. Doch erhält José den Auftrag, die kratzbürstige Dreherin Carmen (Luna Manzanares Nardo), die bei einem Kampf eine andere Arbeiterin verletzt hat, in ein nahegelegenes Gefängnis zu überführen.

          Der Weg mag nicht fürchterlich weit sein und reicht doch aus, José völlig in Carmens Bann zu schlagen. Die Aussicht auf eine Liaison mit der atemberaubenden Frau lässt ihn den Kopf verlieren. Aus falsch verstandenem Ehrgefühl attackiert er seinen Vorgesetzten und flieht daraufhin mit Carmen nach Havanna. Doch dort wartet kein Glück. Carmen stürzt sich ins berühmte Nachtleben der Stadt und beginnt einen Flirt mit dem bekannten Boxer El Niño (Joaquin Garcia Mejias). Derweil lässt sich der liebesblinde auch von Marilù nicht mehr beruhigen und es kommt zur Tragödie.

          Herausragende Verwandlung

          In einem nostalgisch anmutenden, gleichwohl Lokalkolorit verströmenden und für alle Tableaus verblüffend passenden Bühnenbild von Tom Piper entfaltet sich die mit spanischen Dialogen und spanischen Liedtexten vorgetragene, eigentlich altbekannte Geschichte zu einem unterhaltsamen Spektakel, zu dem nicht nur das temperamentvolle Spiel der Hauptdarsteller, sondern wesentlich auch die Choreographien von Roclan González Chávez beitragen, der einige der famosen Tänzer, mit denen er bei der Show Ballet Revólucion zusammenarbeitet, auch bei „Carmen la Cubana“ einsetzt.

          Herausragend ist aber vor allem die musikalische Verwandlung von Bizets Komposition in ein Kaleidoskop der reichen Musiktradition Kubas. Alex Lacamoire hat die berühmten Melodien und Motive zu flirrendem Latin-Jazz umarrangiert, dargeboten von einer Latin-Bigband statt eines Orchesters und gerade im Fall der aus dem Jazz kommenden Hauptdarstellerin Luna Manzanares Nardo auch aufregend gesungen. Sehens- und hörenswert.

          „Carmen la Cubana“ wird bis Sonntag in der Alten Oper aufgeführt.

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