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Fahrgeschäfte auf dem Rummel : Die Nostalgie des Kettenkarussels

Das Kettenkarussell kommt nicht aus der Mode. Bild: Domenic Driessen

Das Schaustellergeschäft setzt auf immer neue Attraktionen. Aber vielleicht ist statt des hundertsten Loopings das gute alte Kettenkarussell doch die beste aller möglichen Vergnügungen.

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          Wenig Neues bei den Fahrgeschäften, heißt es etwas bedauernd. Nicht nur in den Ankündigungen des Münchner Oktoberfests, das den Superlativ 2022 womöglich sowieso eher als Spreader-Event des Jahrhunderts sucht. Auch bei kleineren Volksfesten trifft man, in der dritten Saison seit Corona, wenig spektakulär Neues. Warum auch? Seit die Leute das Leuteherumschleudern in Fahrgeschäften erfunden haben, geht es doch sowieso im Kreis, wild durcheinander oder mit Karacho von oben nach unten.

          Immer mit vollbusigen, wenig bekleideten Damen in XXL-Wandgemälden und Musik, die für jede „Layla“-Debatte gut ist. Auf dem Rummel ticken die Uhren anders. Was Sexismus angeht, definitiv sehr viel langsamer. Bei Aufregern in Form von Fahrgeschäften allerdings muss anscheinend immer Neues her, auch wenn das Prinzip gleich bleibt. Warum eigentlich? Gibt es so viele Leute, die so oft im Jahr auf dem Rummel im Kreis fahren, dass ihnen die Attraktionen ausgehen?

          Das Urgestein

          Ist es eine Minderheit, die zwischen den Buden die Lieben der Kindheit sucht? Da war, natürlich, die Schiffschaukel. Das Piratenschiff, das ungeahnte Höhen erklomm. Der „Musikexpress“, ein wilder achterbahnartiger Kettenwurm. Geisterbahnen jeglicher Ausprägung. Nur eines davon scheint verlässlich zu bleiben: das Kettenkarussell. Es ist das Urgestein der Fahrgeschäfte, das einzige, das offenbar nie ganz aus der Mode gekommen ist.

          Wohl weil die Fans verlässlich nachwachsen, jedes Jahr neue Kinder, die völlig fasziniert in die kleinen Korbsitze klettern, die Kette mit den beiden runden Ösen an der Stange herunterlassen, die Sicherung einhaken. Schiffschaukel, Teufelsrad, die Fahrgeschäfte der Rummel-Urzeit, die im „Liliom“ oder in „Kasimir und Karoline“ Literatur geworden sind, gibt es heute selten, allenfalls noch in München auf der Wiesn oder dank eines Schiffschaukel-Liebhabervereins auch in Frankfurt am Wäldchestag.

          Vielleicht weil in der Härte des Schaustellergewerbes und in der Gigantomanie dieses Megavolksfests nur noch da ein bisschen Platz ist für die Nostalgie, wo ansonsten ein enorm großes Rad gedreht wird. Anderswo muss die Kasse im Kleinen stimmen, „Tornado in 3 D“ oder „Shoxx“ beglücken auch die „Mess“ in der kleinen Stadt, die das erste Mal seit Corona wieder stattfindet. Schwer vorstellbar, dass diese kurzlebigen Attraktionen mal Eingang in die Literatur finden werden, wo Achterbahn und sogar Autoscooter doch auch mittlerweile gelandet sind.

          Das Gekreisch der jungen Mädchen aus dem „Tornado“ gellt über den Platz, und es schallt über das hölzerne Podest, das, kaum haben die Sesselchen an ihren Ketten sich ausgependelt und sind von ihren Passagieren verlassen, von neuen Kindern gestürmt wird. Sie drücken verschwitzte rechteckige Plastikchips in die Hände eines Ausrufers, die Erwachsenen folgen langsamer, tun so, als ob sie sich nur aus Sorge um Kinder und Enkel mit in die Sitze des Kettenkarussells hieven. Und wollen doch nur einmal wieder die Beine hochfliegen lassen, die kleine Stadt und den Rummel weit unten. Und das Gefühl ist fast noch genau so wie einst.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

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