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Architektur auf dem Land : Die Marmelade muss zurück in den Kreppel

So kommt Leben zurück ins Dorf: Die Kegelbahn im sächsischen Wülknitz entstand 2019 nach Plänen von KO/OK Architektur. Nicht weit draußen an der Ausfallstraße, sondern ziemlich im Kern der kleinen Landgemeinde bei Meißen. Bild: Deutsches Architekturmuseum

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt wird saniert und geht deshalb auf Wanderschaft. Die Ausstellung „Schön hier“ macht sich um die Rettung der Dörfer verdient, ausgerechnet im Hessenpark.

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          Im Dorf meiner Kindheit hatte alles noch seinen festen Platz: Das Geschäft im Kern der 2000 Einwohner kleinen Ortschaft war zugleich ihr gesellschaftliches Zentrum. Drum herum lag all das, was man sonst noch zum guten Leben auf dem Lande brauchte. Schule, Gasthaus, Feuerwehrgerätehaus, Kirche, Gemeinschaftshaus, Metzgerei, Bäckerei, Sporthalle, Sparkasse, einige Handwerksbetriebe und eine Tankstelle mit Pommesbude. Dazwischen und am Rand: Wohnhäuser. Etwas weiter außerhalb, mit mehr Platz am Feldrand: Bauernhöfe. Das kompakte Dorf war wie ein Kreppel mit einem dicken Klecks Marmelade im Zentrum. Das Beste, die Einrichtungen des öffentlichen Lebens, lagen in der Mitte, umhüllt vom Teig der Wohnhäuser, der sie festhielt und stützte.

          Neue Farben und Formen: Wie gute Gestaltung den öffentlichen Raum neu erlebbar macht, zeigt das dänische Aabenraa, wo das Büro ADEPT im Jahr 2021 die Gehsteige neu zuschnitt und pflasterte.
          Neue Farben und Formen: Wie gute Gestaltung den öffentlichen Raum neu erlebbar macht, zeigt das dänische Aabenraa, wo das Büro ADEPT im Jahr 2021 die Gehsteige neu zuschnitt und pflasterte. : Bild: Haans Joosten
          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Später dann, mit dem Ausbau der Einfamilienhausgebiete und Gewerbezentren am Ortsrand, wurde das Dorf immer mehr zum Donut. Der Kern ist heute, vielleicht mit Ausnahme der Kirche, hohl und leer, ein Schlafdorf. Drum herum liegt das immergleiche Band der Märkte und Einkaufszentren an der Umgehungsstraße. Peter Kurzeck hat einmal am Beispiel von Staufenberg treffend beschrieben, wie die Ortsumgehung die Dörfer getötet hat: Früher saßen die Alten auf einer Bank und schauten sich das Kommen und Gehen vor ihrer Haustür und den langsam fließenden Verkehr auf der Dorfstraße an. Heute kommt keiner mehr vorbei. Da lohnt es sich auch nicht mehr, sich vors Haus zu setzen. Vom Kreppel zum Donut – jedes Dorfkind, das vor den Neunzigerjahren auf dem Land groß geworden ist, kennt diese Entwicklung. Dann gingen die Dörfer langsam vor die Hunde, und jeder setzte sich ständig ins Auto, um irgendwo hinzufahren, weil es im Dorf nichts mehr zu besorgen gab.

          Mehr als die Hälfte der Deutschen leben auf dem Land

          Doch das muss nicht so bleiben. Das Deutsche Architekturmuseum hat in einer Ausstellung Beispiele zusammengetragen, wie man ein Dorf retten kann. Durch Umbau, Lückenschluss und Neubau. Durch schöne Plätze und Straßen. Aber vor allem dadurch, das Leben auf dem Dorf wieder attraktiver zu machen, indem verloren gegangene Einrichtungen neu angesiedelt werden, die wieder für Geselligkeit sorgen. Die Aufgabe lautet, den ganzen Prozess zurückzudrehen vom Donut zum Kreppel – über den einschmeichlerischen Versuch der Kuratorinnen, sich mit dem Synonym „Krapfen“ auch Ortsfremden verständlich zu machen, mögen südhessische Besucher der Ausstellung gnädig hinwegsehen. „Baukultur auf dem Land hat das Ziel, die Donuts wieder zu Krapfen zu machen, bei denen das Beste in der Mitte ist.“ In diesem Satz hat die Bundesstiftung Baukultur das ganze Programm auf den Punkt gebracht. Die Aufgabe ist nicht trivial oder nachrangig, denn mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands lebt auf dem Land.

          Weil das Stammhaus am Frankfurter Museumsufer saniert wird, zeigt das Architekturmuseum die Ausstellung in der Scheune eines alten Gutshofs in „Nordhessen“, also in dem nachgebildeten nordhessischen Dorf im Hessenpark, gleich hinter dem Kartoffelacker. Das ist der passende Ort für diesen Stoff, denn der Hessenpark gaukelt ja einen Kreppel-Effekt vor, konserviert in einer intakten, aber nur scheinbar authentischen Kulisse. Der Ausstellungstitel „Schön hier“ klingt in dieser Umgebung natürlich auch ein wenig ironisch, und nichts fällt Architekten normalerweise leichter, als über ein Freilichtmuseum zu spotten. Aber vielleicht sollten sich die Fachbesucher auch einmal bewusst machen, dass diese Bullerbü-Idylle, in der die Zeit scheinbar stehen geblieben ist, insbesondere für Kinder erstaunlich reizvoll ist. Womöglich liegt es mit daran, dass hier keine Autos um die Häuser brettern. Zumindest in dieser Hinsicht war die „gute alte Zeit“ gefahrloser als das Heute.

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