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Weihnachtsmärchen : Ihr Kinderlein, kommet

Den alten Menschheitstraum von Flug und Weiterziehen lässt Selma Lagerlöf in ihrem zunächst als Schullektüre gedachten Buch wahr werden. Die Freude daran vermittelt Zimmermanns Inszenierung ebenso wie die Notwendigkeit, alle Lebewesen zu achten. Nils rettet seine neuen Freunde aus brenzligen Situationen, aber auch sie retten ihn. Dass er als Winzling ihre Sprache versteht und aus dem anfänglichen Muhen, Meckern und Miauen individuelle Stimmen werden, lässt ihn die Tiere als Wesen kennenlernen, die, wie im Märchen üblich, mit ihren Nöten und Freuden überaus menschlich erscheinen. Dabei haben sie am meisten Angst vor den Menschen. Wie die Schauspieler Gänse, Fuchs, Hühner und Adler darstellen, ist fein beobachtet und vergnüglich anzusehen. Auch in diesem Jahr stehen beim Weihnachtsmärchen einige Schüler der Schauspielschule Wiesbaden mit auf der Bühne: Sebastian Kroll als Nils, Konrad Kissler als stolz-verliebter Gänserich Martin, Julia Elfert als seine Gänsefrau Daunenfein. Andreas Wobig spielt den schlauen Raben Bataki, Irina Ries die selbstbewusste Anführerin Akka. Ein poetisches Stück ist auf diese Weise gelungen, das genug andeutet, trotzdem nicht zu viel zeigt und der Vorstellungskraft ausreichend Raum lässt.

Bis 5. Januar, für Kinder von sechs Jahren an

STAATSTHEATER DARMSTADT, Der Räuber Hotzenplotz

Na gut, so genau darf man die Reime nicht anhören. „Die Nase voller Rotz, der Räuber Hotzenplotz“ oder so ähnlich singen die Bänkelsänger. Leider sind sie, wie auch die Darsteller, bisweilen schlecht zu verstehen. Das ist aber bei diesem Stoff nicht ganz so schlimm, weil den „Räuber Hotzenplotz“ ja wahrscheinlich jeder kennt. Nur eben nicht so. Der Bänkelgesang passt prima zu Otfried Preußlers Räuber-Atmosphäre, die schon vor 55 Jahren bewusst retro war. Nur dass die Bänkelsänger, mit Glitzerleibchen und schwarzen Strumpfhosen (Kostüme Elena Gauss) so gar nicht in historische Rollenbilder passen. Und wenn sie dann im Graben Musik machen (Timo Willecke, Lucas Dillmann, Fabrice Kuhmann), sind Zirkusanklänge genauso dabei wie Rap. Und es wird Theremin gespielt, was herrliche Effekte macht. Und gezaubert wird in diesem „Hotzenplotz“ nicht zu knapp.

Zauberer mit Stil: Petrosilius Zwackelmann (Erwin Aljukic) verfügt über die angemessene Einrichtung.
Zauberer mit Stil: Petrosilius Zwackelmann (Erwin Aljukic) verfügt über die angemessene Einrichtung. : Bild: Robert Schittko

Jakob Weiss hat erst als Bühnenbildner gearbeitet, bevor er Regisseur wurde, und das sieht man seiner Inszenierung ganz unbedingt an. Wie eine Mischung aus Variété und Kasperletheater wirkt das; der Bühne im Kleinen Haus des Staatstheaters hat Weiss einen Rahmen wie ein alter Zirkus verpasst, wozu Wachtmeister Dimpfelmoser passt (Hubert Schlemmer/Karin Klein), der eher an einen Zirkusdirektor erinnert. Es gibt einen Wald als Prospekt und eine zweckmäßige Räuberhöhle, in der die Sklaverei Seppels (Hans-Christian Hegewald/Antonia Wolf) darin besteht, auf einem Fitnessfahrrad Ökostrom für Hotzenplotz’ Leselampe zu erzeugen.

Denn dieser Hotzenplotz (Daniel Scholz/Thorsten Loeb) hat durchaus Finessen. Das Schloss seines Freundes Petrosilius Zwackelmann (Erwin Aljukić/Jörg Zirnstein) ist mit spiegelnden Oberflächen, Halleffekt und einem fliegenden Podest für den Zauberer angemessen gruselig, die Unke (Gabriele Drechsel/Stefan Schuster) trägt einen beeindruckenden Krötenkopf mit Glubschaugen, bis Kasperl (Robert Lang/Konrad Mutschler) sie rettet, und überhaupt sind die Kostüme von staunenswerter Opulenz. Nur die Großmutter bleibt überraschend schlicht und ungeschminkt, dafür hat sie einen prachtvollen roten Bart. Gespielt von Mathias Znidarec, der mit Sandra Russo alterniert, ist diese Rolle, manchmal zusammen mit anderen, gleich noch ein gendergerechtes Statement, das so leichtfüßig hingetupft ist wie nur was. Dass Znidarec spielend dann alle Klischees der überbetulichen und insgeheim doch ein bisschen giftigen Oma erfüllt, passt zum allgemeinen Stil, der sich aber doch hütet, die Klischees des weihnachtlichen Familienstücks allzu sehr zu strapazieren. Eher setzt Weiss auf die kleinen, spritzigen Gags am Rande. Sie halten auch Erwachsene 75 Minuten lang bei der Stange – und den Hotzenplotz als Gimpel im Käfig auf derselben.

Vorstellungen bis 16. Februar, für Kinder von fünf Jahren an

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