https://www.faz.net/-gzg-a71zm

Musikdirektor Daniel Cohen : Vertiefte Partnerschaft

  • -Aktualisiert am

Taktgeber: Daniel Cohen ist seit 2018 Generalmusikdirektor am Staatstheater Darmstadt. Bild: Benjamin Ealovega

Daniel Cohen ist Generalmusikdirektor am Darmstädter Staatstheater. Er lobt die hohe Motivation seines Orchesters während der Pandemie. Die außergewöhnliche Situation eröffnet ihnen auch die Chance, Neues auszuprobieren.

          3 Min.

          Das Jahr nach der Pandemie, mutmaßt Daniel Cohen, „wird ein Jahr für Gustav Mahlers achte Sinfonie sein“, also für jenes chorsinfonische Werk, das wegen seiner riesenhaften Uraufführungsbesetzung als „Sinfonie der Tausend“ in die Musikgeschichte eingegangen ist. Natürlich: Übertreibung macht anschaulich, und doch beruht das Szenario, das der Darmstädter Generalmusikdirektor humorvoll zugespitzt beschreibt, auf einer durchaus plausiblen Annahme: Nicht die stärksten Kulturinstitutionen würden die Krise der Pandemie am besten überstehen, sondern jene, die sich den Umständen am besten anpassten. Und da sieht der 1984 in Israel geborene Dirigent, der als Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin beschäftigt war, bevor er 2018 Darmstädter Generalmusikdirektor wurde, das Staatstheater bestens aufgestellt: „Wir planen ein Jahr im Voraus, die Berliner Bühnen drei oder vier Jahre.“

          Zur Zeit müssen alle Opernhäuser ihre Disposition noch viel kurzfristiger ausrichten. Zwar sei die Absage der Premiere von Richard Wagners Oper „Lohengrin“ während des Frühjahrslockdowns ein „Schlag in die Magengrube“ gewesen. „Aber seither lernen wir jeden Tag dazu“, sagt er. Zuletzt etwa habe das Orchester des Staatstheaters mit großem Engagement sämtliche Orchesterlieder Gustav Mahlers in Kammerensemble-Besetzungen aufgeführt. Als weiteres Beispiel für die Anpassungsfähigkeit des Hauses nennt der Musiker, der nach Studien in Tel Aviv und London zunächst als Assistent von Daniel Barenboim und Pierre Boulez arbeitete, die jüngste Neuproduktion der Musiktheater-Sparte: Zusammen mit einem Regieteam um die französische Regisseurin Mariame Clément hätte er zuletzt eigentlich Jules Massenets spätromantische Oper „Don Quichotte“ einstudieren sollen. Jedoch erwies sich diese Großproduktion unter den gegenwärtigen Bedingungen als nicht umsetzbar, so dass sie kurzerhand durch einen Doppelabend ersetzt wurde, „an dem zu keinem Zeitpunkt mehr als drei Sänger auf der Bühne stehen.“ Neben „Lucrezia“, einer szenisch umgesetzten Kantate des jungen Georg Friedrich Händel, haben Clément und er sich eine Kantate der 1918 im Alter von nur 24 Jahren verstorbenen Französin Lili Boulanger vorgenommen, „Faust et Hélène“, mit der Boulanger 1913 als erste Komponistin überhaupt den renommierten „Rom-Preis“ gewann. Die Pandemie-Situation eröffne eben auch die Chance, Stücke auszuprobieren, „die wir immer schon einmal machen wollten“. Seit der Generalprobe kurz vor Weihnachten steht diese Produktion zur Premiere bereit, die über die Bühne gehen könne, sobald es nur möglich sei.

          Darmstädter mögen zeitgenössische Werke

          Die Offenheit gegenüber dem Unbekannten hat Cohen in seinen zwei Darmstädter Jahren vor Pandemiebeginn schnell schätzen gelernt. Er zitiert Luigi Nono: „Es ist notwendig, Darmstadt für die Neue Musik zu haben.“ Und er sagt selbst, dass zeitgenössische Werke in Darmstadt nicht „so ein notwendiges Übel wie Broccoli“ seien, im Gegenteil: „Das Orchester und das Publikum, die wollen das!“ Daran habe er auch seine Programmplanungen ausgerichtet; in der aktuellen Saison hätte er eigentlich große Orchesterstücke der in der Nachkriegszeit oft bei den Darmstädter Ferienkursen vertretenen Komponisten Pierre Boulez und Bruno Maderna aufführen wollen. Cohen begeistert sich aber auch für ein weiteres „Goldenes Zeitalter“ der Musik in Darmstadt, wie er die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts nennt, als der kunstsinnige Landgraf Ernst-Ludwig in Hessen-Darmstadt regierte. Musik aus dieser Zeit, etwa von Ernst-Ludwigs langjährigem Kapellmeister Christoph Graupner, soll bei einem großen Barockfest erklingen, das Cohen schon für den kommenden Frühsommer ankündigt, mit prominenten Gästen wie der Geigerin Isabelle Faust und dem Mandolinisten Avi Avital.

          Die Spontaneität, mit der die Künstler immer wieder auf die gegenwärtigen Umstände reagieren müssen, mag vielleicht sogar noch ein wenig die spannende Zeit „zwischen erstem Date und Hochzeit“ verlängern, wie Cohen den Zustand der Beziehung zwischen ihm und dem Orchester beschreibt, die für ihn ganz wesentlich von „Partnerschaft“ geprägt sei. Zu deren Vertiefung mag beigetragen haben, dass er seit vergangenem Mai in Darmstadt geblieben sei und sogar auf eine Reise in seine Heimat Israel verzichtet habe, die mit einer doppelten Quarantäne dort sowie in Deutschland verbunden gewesen wäre. Doch auch diese Situation habe ihre Vorteile und Stärken gehabt, weil er und die Künstler, die vor Ort leben und arbeiten, zusammen für das Darmstädter Publikum jene Dinge „gekocht“ hätten, „die im Garten gerade reif waren“. Obwohl es in seinem künstlerischen Umfeld immer wieder Sorgen gebe um „Geld und Gesundheit“, und auch wenn immer mehrere Planungen nebeneinander erstellt werden müssten, „pessimistische, realistische und optimistische“, so begeistere ihn doch immer wieder „diese unglaublich hohe Motivation, in unserem Darmstädter Haus Kunst machen zu wollen“.

          Weitere Themen

          Ruf nach Reform der Stadtpolizei

          Feldmann fordert Verbeamtung : Ruf nach Reform der Stadtpolizei

          Der Streit über die Stadtpolizei geht in die nächste Runde: Oberbürgermeister Peter Feldmann will die Mitarbeiter des Ordnungsamtes verbeamten lassen. Für den Sicherheitsdezernenten ist das allerdings „kein Allheilmittel“.

          Topmeldungen

          Neuer CDU-Chef : Zurück zur Marktwirtschaft

          Die CDU braucht ein stärkeres Profil in der Wirtschaftspolitik, um die Zukunft zu gewinnen. Das wird nur im Team zu schaffen sein.
          Eine Fußball-EM in ganz Europa wirkt im Moment wie eine Idee aus einer anderen Zeit.

          Bizarre Pläne für die EM : Das riskante Spiel des Fußballs

          Während die Infektionszahlen rapide steigen, machen bizarre Pläne zur Rettung der Europameisterschaft die Runde. Doch die Gedankenspiele gehen an der Realität der Pandemie vorbei. Forderungen nach einer Verschiebung werden lauter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.