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Cranach-Ausstellung : Der doppelte Maler

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Als wär‘s vom Werkstattchef Cranach selbst: „Muttergottes auf der Mondsichel” Bild: F.A.Z. - Wohlfahrt

Große Künstler müssen nicht unbedingt als Überzeugungstäter hervortreten. Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553) zum Beispiel kümmerte sich bei seinen Auftraggebern nicht um konfessionelle Grenzen.

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          Große Künstler müssen nicht unbedingt als Überzeugungstäter hervortreten. Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553) zum Beispiel kümmerte sich bei seinen Auftraggebern nicht um konfessionelle Grenzen: So lieferte er Illustrationen zur Luther-Bibel, war Trauzeuge des Reformators (1483 bis 1546), den er auch mit Katharina von Bora porträtierte, und leugnete keineswegs seine Sympathien für die Reformation. Und fast zur gleichen Zeit schuf er im Auftrag von Albrecht von Brandenburg (1490 bis 1545), Gegner der Reformation und sein bester Kunde, viele den überlieferten Glauben andachtsvoll vermittelnde Altäre und fromme Bilder.

          Cranachs Produktivität muss atemberaubend gewesen sein. Er war ein Malerunternehmer – laut seiner Grabinschrift „pictor celerrimus“ (der schnellste Maler) –, der über eine hervorragend organisierte Werkstatt verfügte, in der alle Vorlagen aufbewahrt und bei Bedarf für neue Aufträge neu komponiert wurden. Was bis heute die Zuschreibung, ob es sich um Originale oder Werke seiner Meister oder Schüler handelt, fast unmöglich macht. Zudem arbeitete er als Graphiker und Verleger, besaß eine Apotheke mit Weinausschank, außerdem die meisten Immobilien in Wittenberg, wo er zeitweise auch Ratsherr und Bürgermeister war.

          Magdalenenaltar in der Jesuitenkirche

          Für die Ausstellung „Cranach im Exil – Aschaffenburg um 1540 – Zuflucht, Schatzkammer, Residenz“ mit ihren drei Stationen Kunsthalle Jesuitenkirche, Schloss Johannisburg und Stift Peter und Alexander, bildet die Zeit des großen Umbruchs im 16. Jahrhundert die historische Folie. Damals spaltete die Reformation die Menschen, Albrecht von Brandenburg und Martin Luther verkörperten diese Auseinandersetzung, um die sich Lucas Cranach d. Ä. offenbar keine Gedanken machen musste. Denn an seinen katholischen wie an einem protestantischen Bildprogrammen zeigte sich der Künstler immer wieder in seiner einigermaßen erstaunlichen konfessionellen Doppelrolle.

          Als Albrecht von Brandenburg, der aufgrund seines Ablasshandels und anderer Missstände umstrittene Kardinal, im Jahr 1540 seine Lieblingsresidenz Halle verlassen musste und Aschaffenburg als Zufluchtsort wählte, führte er natürlich auch seine hochbedeutenden Kunstsammlungen mit sich. Unter den zahlreichen Werken in seinem vermutlich monumentalen Gepäck hatte der Magdalenenaltar einen besonderen Rang, den Albrecht von Brandenburg für seine Neue Stiftskirche in Halle um 1520/25 bei Cranach bestellt hatte, der damals als größter Kunstauftrag nördlich der Alpen galt. Ausgeführt hat ihn ein anonymer Meister aus Cranachs Schule.

          Nun ist der Magdalenenaltar – „eine schöne gemalte Tafel – ganz wirklich gemacht“, wie es im Hallenser Inventar von 1525 zu Recht heißt, in seiner ganzen leuchtenden Farbigkeit in der Kunsthalle Jesuitenkirche zu bewundern, mit einem jugendschönen Auferstandenen im strahlenden Himmelslicht, umgeben von vielen farbenfrohen Putten. Und die beiden Heiligen Magdalena und Martha sind von berückender Diesseitigkeit, also in der Tat „ganz wirklich gemacht“. Mehr als einen kurzen Blick wert ist auch die Predella mit einer Jonas-Szene.

          Margarthenschrein ist Besuchermagnet

          Ähnlich reizvolle Heilige beiderlei Geschlechts erscheinen auf den Flügelgemälden des „Engelsaltars“ eines anonymen Meisters aus der Schule Cranachs von 1524, die zugehörige Mitteltafel mit dem Schmerzensmann zwischen Maria und Johannes befindet sich im Augustinermuseum in Freiburg im Breisgau. Und wenn ein kundiger Humanisten-Freund an Cranach einst schrieb „Ich höre, dass Albrecht Dürer Dich allen Malern unserer Zeit in Bezug auf Anmut und Leichtigkeit vorgezogen“, dann glaubt das sofort, wer vor der „Muttergottes auf der Mondsichel“ steht. Und es spielt kaum eine Rolle, dass dieses zu Herzen gehende Marienbild nicht von Cranach selber stammt.

          Ein Besuchermagnet scheint der Margarthenschrein zu sein, in dem die sterblichen Überreste der bevorzugten weiblichen Heiligenfigur von Albrecht von Brandenburg ruhen. Der verglaste Sarg bietet den Blick auf eine geschnitzte Figur aus Holz, die einen partiell schon verwesten Leichnam darstellt, in die aber auch die Knochen der Heiligen eingepasst sind. Ungetrübtere Freude vermittelt daneben aber die heilige Margarethe, dieses Mal nicht als Knochenfrau, sondern in betörender Jugend auf einen Fragment des Prager Altars, gemalt von Lucas Cranach d. Ä. persönlich, kurz nach 1520.

          Eindeutig reformatorische Bilder sind natürlich vorhanden, zum Beispiel das Gemälde „Christus und das kanaanäische Weib“, das ganz im Sinne von Luther schildert, dass der Mensch nicht durch gute Werke, sondern allein durch den Glauben gerettet wird.

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