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Kreativbranche in der Krise : Mit voller Wucht getroffen

Gut aufgestellt: Die Kulturmanagerin Silke Hartmann ist in der Corona-Krise froh, mehrere Standbeine zu haben. Bild: Wonge Bergmann

Die Kreativbranche wurde von der Corona-Krise kalt erwischt und fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Doch Literaturexperten, Designer und Fotografen fürchten, dass das Schlimmste erst noch kommen könnte.

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          Damit hatte Christian Rindermann nicht gerechnet. Dass er schon bald wieder als Discjockey auftreten würde, hielt er bis vor kurzem noch für unmöglich. All seine Termine bis Herbst waren längst abgesagt. Dann aber kam doch noch eine Anfrage. Für eine Hochzeit, eine kleine Privatfeier unter strengen Hygieneregeln, aber doch mit Programm. Sogar eine Band soll dort auftreten – und Rindermann seine Platten spielen. „Mal gucken, ob da Stimmung aufkommt, wenn die Gäste Masken tragen müssen“, sagt er. Dennoch: „Das ist ein positives Signal, dass die Kultur es schaffen kann zu überleben“, sagt der Hanauer.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Christian Rindermann ist einer von drei Kreativen, mit denen wir Mitte März, als die strengen Lockdown-Maßnahmen gerade begonnen hatten, über ihre Sorgen gesprochen haben. Rindermann zeigte sich pessimistisch. Genauso ging es damals der Kulturmanagerin Silke Hartmann und dem Fotografen Dirk Beichert. Nun, gut zwölf Wochen später, sagt Rindermann: „Im Großen und Ganzen bin ich mit einem blauen Augen davongekommen.“ Das habe vor allem damit zu tun, dass er seinen Lebensunterhalt nicht ausschließlich als DJ erwirtschaftet, sondern auch noch für eine Kommunikationsagentur tätig ist. Dort entwickelt er Konzepte für Kampagnen und arbeitet als Redakteur.

          Auch für die Agentur begann die Krise mit einem Knall: So gut wie alle Aufträge wurden auf Eis gelegt. Doch es kam auch zu neuen Geschäften. Denn die Corona-Krise machte vielen Unternehmen deutlich, dass sie digital Nachholbedarf haben. Firmen, die ihre Internetauftritte erneuern oder sich in den sozialen Netzwerken neu aufstellen wollten, meldeten sich bei der Agentur. „Dass sich durch die Krise auch neue Türen öffnen, war nicht vorhersehbar“, sagt Rindermann.

          Mit einem blauen Augen davongekommen: Christian Rindermann verdient seinen Lebensunterhalt nicht ausschließlich als DJ.
          Mit einem blauen Augen davongekommen: Christian Rindermann verdient seinen Lebensunterhalt nicht ausschließlich als DJ. : Bild: Heiko Neumann

          Er erzählt von einem Auftrag der Gesellschaft für Goldschmiedekunst, die einmal im Jahr den Friedrich-Becker-Preis an talentierte Goldschmiede vergibt. Bislang war die Preisverleihung eine rein analoge Angelegenheit. Doch weil eine feierliche Zeremonie durch die Pandemie undenkbar wurde, entwickelte die Agentur ein Konzept für eine digitale Preisverleihung und eine Website, auf der die Nominierten präsentiert werden. „Aus der Not heraus ist echter Mehrwert entstanden“, sagt Rindermann.

          Trotz finanzieller Einbußen sei nicht alles schlecht, „es ist nur anders“. Wenig überzeugt hat ihn dagegen das Krisenmanagement der Landesregierung. Zu zaghaft, zu zögerlich kam es zu Hilfen für Kreative und Solo-Selbständige. „Hessen hat sich da wirklich nicht mit Ruhm bekleckert“, klagt Rindermann. In keinem anderen Bundesland sei weniger Geld an Kreative verteilt worden, „viel mehr als Lippenbekenntnisse haben wir nicht bekommen“.

          Diese Kritik aus den Reihen der Kreativwirtschaft ist immer wieder zu hören. Olaf Deneberger etwa ist schwer enttäuscht von der Unterstützung Solo-Selbständiger durch die Landesregierung. Deneberger vertritt als Vorstand des Deutschen Designer-Clubs viele Kreative, die als Ein-Personen-Betriebe ihr Geld verdienen müssen, etwa Designer, Illustratoren, Fotografen und Architekten. „Doch bei denen greift die Soforthilfe nicht“, sagt Deneberger. Sie können nur für Betriebskosten, also etwa für Mieten und Raten für das Leasing-Auto, einen Zuschuss bekommen, für Lebenshaltungskosten hingegen nicht.

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