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Bedingungen zu erfüllen : Hessen unterstützt Künstler und Kultur mit Millionen-Paket

„Kunst und Kultur sind kein Luxus oder Sahnehäubchen in guten Zeiten“: Ministerin Angela Dorn Bild: dpa

Theater und Konzerthäuser dürfen mit Hygiene- und Abstandsregeln in Hessen zwar wieder öffnen. Doch auch Solo-Künstler und Festivals sind von der Corona-Pandemie arg gebeutelt. Das Land will nun helfen, stellt aber Bedingungen.

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          Mit einem „positiven Grundgefühl“ und Lob für ein breit angelegtes Förderprogramm haben Vertreter der Kulturszene auf das Corona-Hilfsprogramm der hessischen Landesregierung reagiert. Auch wenn es weiterhin Fälle geben werde, denen auch mit diesen Vorhaben nicht geholfen werden könne, überwiegt Optimismus: Mit einem Millionenpaket will die Landesregierung Künstlern, Festivals und Kultureinrichtungen durch die Corona-Krise helfen. „Spielstätten und Veranstalter mussten früh den Betrieb einstellen und werden erst spät wieder voll durchstarten können“, konstatierte Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Die Grünen) am Montag bei der Präsentation des Förderprogramms, das 50 Millionen Euro umfasst.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Demnach können Festivals, die dem Virus zum Opfer gefallen sind oder nur teilweise stattfinden können, zusätzliche Unterstützung erhalten, wenn sie trotz bereits geflossener Soforthilfen in Liquiditätsschwierigkeiten geraten. Die Höhe richtet sich nach der Zahl der im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre verkauften Tickets. Die Summe ist auf eine halbe Million Euro gedeckelt.

          Arbeitsstipendien über 2000 Euro

          Den freien Kulturschaffenden will das Land nun mit Arbeitsstipendien in Höhe von 2000 Euro unter die Arme greifen. Diese einmalige Zahlung soll den Künstlern und Publizisten zugutekommen, die bei der bisherigen Soforthilfe leer ausgingen, weil die maßgebliche Regeln des Bundes sie auf die Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch verweist. Wie berichtet, drängten Hessen und andere Länder die Bundesregierung vergeblich, das Soforthilfe-Programm für die Solo-Selbständigen zu öffnen und vollständig für sie zu zahlen.

          Mit den Stipendien folgt Dorn dem rheinland-pfälzischen Beispiel. Es hat den Vorteil, dass die Leistungen des Landes nicht mit der vom Bund ausgezahlten Grundsicherung verrechnet müssen, sondern den Empfängern zusätzlich zugutekommen. Deren Kreis ist auf die in der Künstlersozialkasse versicherten Hessen beschränkt. Dabei handelt es sich nach Dorns Angaben um knapp 12.000 Kulturschaffende und freiberuflich tätige Publizisten. Dass Solo-Selbstständige, die nicht der Künstlersozialkasse angehörten, nicht gefördert würden, sei eine schwierige Lösung, gab Dorn zu. Man habe eine objektive Abgrenzung gewählt, die beispielsweise auch in Bayern gelte. Sie beruhe auf einer „gerechten Vorsortierung“. Die Unterstützung der 12.000 Künstler und Publizisten macht knapp die Hälfte des Millionenpakets aus.

          Stipendien für neuartige Formate

          Während die „Arbeitsstipendien“ einfach nur beantragt werden müssen, können Gruppen und Einzelkünstler sich außerdem noch um Stipendien für neuartige Formate bewerben. Die Vergabe der Mittel wird über die Hessische Kulturstiftung abgewickelt. Eine Fachjury beurteilt die Anträge. Dorn äußerte die Hoffnung, dass weitere aus privaten Mitteln finanzierte Stipendien hinzukämen. Davon übernehme das Land im Wege der Kofinanzierung die Hälfte.

          Bis zu 18.000 Euro können Kultureinrichtungen und Spielstätten erhalten, die nun vor dem Neustart stünden. Dorn nannte beispielsweise Kinos, Konzertsäle, soziokulturelle Zentren, freie Bühnen und Literaturhäuser. Dorn betonte, dass auch dieses Geld aus dem Landesfonds die einschlägigen Hilfen ergänzen solle, die der Bund am Wochenende in Aussicht gestellt habe. Auf eine Kombination der verschiedenen Fördertöpfe aus Bund und Land hoffen zahlreiche Veranstalter, Kinobetreiber und Künstler. Dennoch seien sie weiterhin auf Solidarität des Publikums und ihrer Förderer angewiesen. Erleichterung herrschte über die Klarstellung Dorns, die nun ermöglichte Öffnung der Kulturbetriebe verlange von den Betrieben auch Programm.

          Der Intendant des Rheingau Musik Festivals, Michael Herrmann, sagte, das Hilfspaket werde seinem Festival helfen, Teile des finanziellen Lochs zu stopfen. Dennoch bleibe ein Betrag von 1,5 Millionen übrig, der für den Fortbestand des Festivals aufgebracht werden müsse. „Wir sind also weiterhin auf die Solidarität unserer Kunden und Fördervereinsmitglieder angewiesen.“

          Einzelkünstler äußern Erleichterung, dass das Stipendiengeld nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden müsse. Das lobt auch der Intendant des Frankfurter Mousonturms, Matthias Pees. Noch sei kaum abzusehen, wie lange und intensiv die Corona-Krise die Kunst beschäftigen werde. Daher gehe es nicht um „Auf oder Zu“. Die Zweistufigkeit etwa in der Künstlerhilfe, die auch mit anderen Hilfen kombinierbar sei, sei ein guter Ansatz, ebenso die Möglichkeit, ein Projekt auszubauen. Dies schließe an Stipendienverfahren im Bund an.

          Auch der Mousonturm will Anträge stellen. Noch unklar sei, ob und wie das Festival „Summer in the City“ im Palmengarten stattfinden könne, außerdem müsse der Wiedereinstieg in die Saison geplant werden. Die erste Projekte mit einer Mischung aus Präsenz mit wenig Publikum und digitalen Angeboten werden schon entworfen. Das verlange Investitionen etwa in die informationstechnologische Infrastruktur und mehr Personalstunden. Kritisch sieht Pees die gestaffelte Antragsfrist und er hofft, dass Projekte früher begonnen werden können.

          „Leerstellen“ in der Förderung

          Der Landesverband der Professionellen Freien Darstellenden Künste (Laprof) äußerte Erleichterung und Lob. In Breite, Volumen und Struktur sei das Hilfspaket gut angelegt. Außerdem hält Laprof, im Einklang mit Interessenvertretern wie dem Tanz- und Performanceverband ID Frankfurt, die Beschränkung auf die Künstlersozialkasse für kritisch. ID-Sprecher Jacob Bussmann sagte, Arbeitszusammenhänge seien viel weiter gefasst, zahlreiche Berufe wie Licht, Ton oder Produktion gehörten dazu, die Definition von „Künstler“ über die Sozialkasse beschränke den Zugang zu den Hilfen stark.

          Etliche Fragen, so der Sprecher von Laprof, Jan Deck, seien offen. Etwa, welche Jurys über die Bewilligung der Projekte und Infrastrukturförderungen befänden. Eine wichtige Frage betreffe „Leerstellen“ in der Förderung für bestimmte Kunstsparten. Unter anderem Künstler und Gruppen der Kleinkunst und an der Schnittstelle zum Event fürchten bei Stipendien nur für neuartige Formate, dass sie weiter keine Hilfen bekommen. Ausgearbeitete Handreichungen zu dem Paket soll es in Kürze geben.

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