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Cornern : Was auch Doktor Drosten in Ordnung findet

„Cornern“ ist in der Corona-Krise zum Breitensport geworden. Viele zieht es auch an das Frankfurter Mainufer. Bild: Wolfgang Eilmes

In der Corona-Krise zieht es viele nach draußen. Das Land wird lässiger und mediterraner. Sogar Christian Drosten gab grünes Licht für das Rumhängen an einer Straßenecke.

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          Abends, wenn endlich alle Mathe-Hausaufgaben gelöst, alle Kressetöpfchen gepflanzt und alle Videokonferenzen abgehalten sind, wenn der eine oder andere Artikel geschrieben ist, nur kurz unterbrochen von verzweifelten Kinderrufen, wo verdammt noch mal das Tablet abgeblieben ist, und schließlich auch alle Mundschutzmasken wieder ausgekocht sind, dann fahren wir meist noch eine Runde Fahrrad.

          Letztens, es war einer der eher kälteren Tage, kamen wir an der Alten Oper vorbei, und dort war es wunderschön. Die orangefarbene Abendsonne tauchte den Platz in ein warmes Licht, ein paar Grüppchen standen herum, mit Pizzakartons und Drinks in Pappbechern, überfüllt war es nicht. Auch wir besorgten uns einen überteuerten Aperol Spritz „to go“, setzten uns auf die Stufen vor dem in den Dornröschenschlaf gefallenen Konzerthaus, die Kinder kletterten ein paar Meter entfernt auf einer Mauer. Es war so entspannt und friedlich wie lange nicht mehr.

          Rumhängen an einer Straßenecke

          Dass das „Cornern“, das Rumhängen an einer Straßenecke, zum Breitensport geworden ist, gehört zu den Dingen, die die Corona-Krise gerne überdauern dürfen. Mich freut diese Popularisierung einer Kulturtechnik, die lange etwas Elitäres hatte, die von Breakdancern in der Bronx erfunden wurde und in deutschen Metropolen lange vollbärtigen Hipstern und jungen Punks vorbehalten war. Heute dagegen „cornert“ jeder gerne mal. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sich daran auch jetzt, wo die ersten Bars und Kneipen wieder öffnen dürfen, nichts ändern wird. Ganz gleich sind dabei trotzdem nicht alle.

          Den 50-Euro-Rosé, den die Männer in Anzügen vor der Alten Oper sich in ihre Pappbecher einschenken, muss man sich leisten können. Dennoch wird die neue Freude am „Cornern“ uns guttun. Das Land wird lässiger und mediterraner, die deutsche Angst vor allem Improvisierten nimmt ab. Gut so.

          Zuletzt kam sogar noch von ganz oben, vom Charité-Virologen Christian Drosten, grünes Licht für den Absacker an der Straßenecke. Die Gefahr, sich im Freien zu infizieren, sei erwiesenermaßen deutlich geringer als in Innenräumen, teilte er mit. Sein Kollege Hendrik Streeck, da bin ich mir sicher, hätte erst recht nichts dagegen einzuwenden. Nichts wie raus auf einen Drink also. Das geht auch gut mit Abstand.

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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