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Comic-Zeichnerin aus Darmstadt : Falsche Scham ist der Endgegner

Sorgen und Glück der etwa Dreißigjährigen: Doppelseite aus Stulins Comic Bild: Paulina Stulin/Jaja Verlag

Mit „Bei mir zuhause“ hat die Darmstädter Zeichnerin Paulina Stulin einen bemerkenswerten Comic über die Lebenswelten der etwa Dreißigjährigen geschaffen.

          3 Min.

          Ein paar Bänke, bunte Lampions zwischen den Bäumen, ein in die Höhe schießendes Gebilde aus einfachem Holz, das für Konzerte, Vorträge und Diskussionen genutzt werden kann, eine Bar aus Brettern: Der Osthang, entstanden im Darmstädter Architektursommer 2014, ist ein Ort, den man hier, zwischen Mathildenhöhe und eleganten Jugendstilvillen, nicht erwarten würde. Paulina Stulin liebt ihn. Im Sommer war sie oft hier, hat die Menschen gezeichnet, die sich dort getroffen haben, auf ein Bier oder ein Gespräch. Jetzt aber ist der Osthang verwaist, liegt das Herbstlaub über Boden, Bänken und Tischen, der Kiosk hat zu.

          Alexander Jürgs

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Bei mir zuhause“ heißt der gut 600 Seiten starke Comic, den Stulin gerade im Berliner Jaja-Verlag veröffentlicht hat. Der wuchtige Band ist eine autobiographische Graphic Novel, die von einer jungen Frau um die 30 Jahre erzählt, von Trennungen, Konflikten, Unsicherheiten und dem, was meist Erwachsenwerden genannt wird. In starken Bildern und in kräftigen Farben, so gut wie ohne klare, Konturen verleihende Linien, berichtet die Fünfunddreißigjährige mit großer Offenheit aus ihrem Alltag. Das Buch hat einen schönen, sehr eigenen Rhythmus: Seiten voller Dialoge und kleiner Skizzen wechseln sich mit solchen mit opulenten, ganz ohne Text auskommenden Bildern ab.

          Eine Banalität kann das Wichtigste der Welt sein

          „Bei mir zuhause“ ist ein „Pageturner“, auch wenn er von etwas berichtet, das sich leichtfertig als das Durchschnittsleben einer weißen unverheirateten Frau aus dem kreativen, akademischen Milieu abtun ließe. „Das, was den einen als Banalitäten erscheint, kann für andere das Wichtigste auf der Welt sein“, sagt Paulina Stulin, ganz in Schwarz gekleidet, an einem der Holztische im Osthang sitzend. Fünf Jahre hat die Darmstädterin an dem Band gearbeitet, der, hätte sie am Ende nicht so resolut aussortiert und gekürzt, noch weit umfangreicher hätte ausfallen können. „Kunst darf niemals langweilig sein“, sagt sie. Im besten Fall sei solch ein Comic „wie eine geile amerikanische Serie, nach der man süchtig wird“.

          Zuhause in Darmstadt: Comic-Künstlerin Paulina Stulin
          Zuhause in Darmstadt: Comic-Künstlerin Paulina Stulin : Bild: Samira Schulz

          Ganz konkret ist mit dem Titel ihres Comics aber auch die Dachgeschosswohnung gemeint, in der Paulina Stulin wohnt, seit 17 Jahren schon, weil sie sich dort wohl fühlt, aber auch weil die Miete niedriger ist als rundherum, weil es schwierig wäre, eine vergleichbare Wohnung zu finden, die zu bezahlen ist. „Das ist meine Zelle, in der ich mich vor der Welt verstecken kann, in der ich in Ruhe arbeiten kann“, sagt sie. Ihre Comics, zwei kürzere sind vor „Bei mir zuhause“ bereits erschienen, erschafft Stulin aus dem, was sie in ihren Tagebüchern notiert. „Tagebuch schreiben ist für mich, als würde ich schweres Gepäck abladen“, sagt Stulin. „Ich brauche das, damit dieses ganze Zeug nicht noch nachts in mir herumspukt.“ In ihren Comics, die an einem digitalen Grafiktablet entstehen, verdichtet sie das Aufgeschriebene.

          „Leben und Kunst sehe ich als Mutproben“

          Stulin scheut nicht davor zurück, in ihren Geschichten von Verletzungen, von Enttäuschungen und Widersprüchen zu berichten, sei es der Kampf gegen die Pfunde, für den sie sich schämt, weil er ihr deutlich macht, dass sie weniger auf gesellschaftliche Normen pfeift, als sie es eigentlich von sich erwartet, oder eine gemeinsame Nacht in der Dachgeschosswohnung mit zwei Männern. In einen von ihnen verliebt sich die Paulina in dem Comic – als er sie zurückweist, wirft sie das gehörig aus der Bahn. Diese Offenheit sei wichtig, „Leben und Kunst sehe ich als Mutproben“, sagt Stulin. Bei der Arbeit an ihrem Buch musste sie häufig „über den Schatten springen“. Dabei geholfen haben ihr Vorbilder wie die Filmregisseurin Doris Dörrie oder der Schriftsteller David Sedaris, die mit ihrer Kunst gezeigt haben, dass es sich lohnt, über das, was einem peinlich sein könnte, zu lachen. „Falsche Scham ist der Endgegner“, sagt die Zeichnerin.

          Die Stadt, in der Paulina Stulin lebt und in der sie von 2007 bis 2012 Kommunikationsdesign studiert hat, taucht in ihrem Comic häufig auf, viele Orte erkennt man wieder: die Straßen mit den Altbauwohnungen, das Weststadtcafé, in dem eine drogenschwangere Party gefeiert wird, das alternative Kulturzentrum Oetinger Villa, wo ein Konzert der Frankfurter Elektro-Punk-Band Les Trucs läuft. „Darmstadt ist ein schwieriger Ort, die Uncoolness schwebt über allem“, sagt Stulin. „Doch genau diese Uncoolness sorgt auch für Engagement, die Do-it-yourself-Kultur kann sich in der Stadt gut ausbreiten.“ Neue Orte zum Ausgehen, neue Party- oder Konzertreihen werden mit viel Dankbarkeit aufgenommen, die Subkultur findet Räume.

          Vom Comiczeichnen allein kann Paulina Stulin nicht leben, darum arbeitet sie an den Nachmittagen als pädagogische Betreuerin mit Kindern und Jugendlichen, setzt auch kreative Projekte, etwa ein eigenes Magazin, mit ihnen um. Diese Arbeit, sagt sie, sei ein guter Gegenpol zum Eigenbrötlertum der Zeichnerin. Nach den vier Stunden im Jugendzentrum sehne sie sich danach, „in meine Einsamkeit da oben unterm Dachgeschoss abzutauchen“. Dort sitzt sie dann und schreibt, zeichnet und feilt an neuen Geschichten. Das ist ein großes Glück: Denn erfahren, wie es mit dieser Paulina weitergeht, die sich durchs Leben kämpft, das will man unbedingt.

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