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Christian Rohlfs : Leuchtende Landschaften

Transparent und schwebend: Christian Rohlfs, „Mohnblumen”, 1929. Bild: Abbildung Osthaus Museum

Am liebsten malte er die Natur: Bilder von Christian Rohlfs (1849 bis 1938) im Bad Homburger Sinclair-Haus.

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          Hyazinthen malte Christian Rohlfs. Und Rosen, Magnolien, Amaryllis, Sonnenblumen, Pilze, Tulpen. Einige der großformatigen farbig leuchtenden Wassertempera-Blätter hat der Maler Stück für Stück verfremdet. Dazu legte er die bemalten Blätter in die Badewanne und duschte sie ab. Oder er kratzte mit einer Drahtbürste die Farbe ab. So erklärt sich, warum diese Bilder immer durchscheinender wirken, ihr Gegenstand immer weniger zu erkennen ist. Erst im hohen Alter allerdings hat sich Christian Rohlfs (1849 bis 1938) zu derartigen Experimenten hinreißen lassen. Doch es sind besonders die expressionistischen Papierarbeiten der zwanziger und dreißiger Jahre, die heute noch ein Publikum begeistern. Und die von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt wurden.

          Katharina Deschka

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie die Farbe als zentrales Gestaltungsmittel immer mehr Freiheit in seinem Werk gewann, wie Christian Rohlfs zu einer eigenen Farben- und Formensprache fand, von welch expressiver Ausdruckskraft seine Zeichnungen sind, zeigt jetzt die Ausstellung „Musik der Farben“ im Bad Homburger Sinclair-Haus. Mit etwa 100 Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen und Temperablättern – alle aus der Sammlung des Osthaus Museums Hagen – bietet die Präsentation im Rahmen der Reihe „Phänomen Expressionismus“ des Kulturfonds Frankfurt Rhein/Main einen guten Überblick über das Werk dieses Einzelgängers der Moderne.

          Die Wende kam 1900

          Dass Rohlfs, Sohn eines Torfstechers und einer Kramladenbesitzerin, überhaupt zum Maler wurde, hatte einen wenig erfreulichen Grund. Geboren 1849 in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein, war er als Jugendlicher zwei Jahre ans Bett gefesselt. Bei einem Sturz hatte er sich das Bein gebrochen, die nicht ausgeheilte Verletzung machte ihm als Knochenhautentzündung zu schaffen. Die Zeit vertrieb Rohlfs sich mit Zeichnen. Gefördert von seinem Arzt, begann er 1870 ein Studium an der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar. Doch sein Leiden verschlimmerte sich, 1873 musste sein Bein amputiert werden. Auch wenn er nun nicht mehr so beweglich war, begann er zwei Jahre später nach der Natur zu zeichnen, zunehmend wandte er sich von Genreszenen ab.

          Im Jahr 1900 kam es dann zu der Begegnung, die sein Leben veränderte. Durch Vermittlung von Henry van de Velde, Leiter der Weimarer Kunstgewerbeschule, lernte er den Kunstmäzen und Sammler Karl Ernst Osthaus kennen. Sein Leben lang würde dieser ihn unterstützen. Schon ein Jahr später siedelte Rohlfs nach Hagen um, wo Osthaus gerade das Folkwang-Museum bauen ließ. Dort sollte er ein Atelier erhalten und an der Malschule unterrichten. Das Folkwang-Museum mit seiner Sammlung moderner europäischer Kunst – ein „Himmelszeichen im westlichen Deutschland“, wie Nolde das Haus nannte – brachte Rohlfs nun noch als 52 Jahre alten Mann dazu, sich mit Cézanne, van Gogh und Munch auseinanderzusetzen.

          Eine lohnende Wiederentdeckung

          In der Schau lässt sich seine erstaunliche künstlerische Entwicklung gut verfolgen, deren Anfänge genrehaft pittoresk sind, wie die „Haustür“ in Öl von 1880 zeigt. Alsbald folgen impressionistische Landschaftsdarstellungen, und auch am Pointillismus versuchte sich Rohlfs einige Male. Dann fand der Expressionismus Eingang in sein Werk: Davon zeugt etwa das „Rote Haus in Dinkelsbühl“ von 1921 mit seinen kräftigen Farben. Seiner Entwicklung zur Stilisierung und Reduktion kam der Farbfluss des Aquarells entgegen, die Ölmalerei gab er in den zwanziger Jahren auf. Auch seine Zeichnungen nähern sich der Abstraktion. Entstanden an der Ostsee und von 1927 an während jährlicher Aufenthalte am Lago Maggiore, lassen sie sich mitunter kaum zuordnen, die „Landschaft (Ascona)“ um 1927/28 könnte wogendes Meer oder wolkenverhangene Bergspitze sein.

          Eine lohnende Wiederentdeckung ist dieser heute wenig populäre Maler, der 1930 ein eigenes Museum erhielt, das 1933 umbenannt wurde. Seine Darstellung der Natur, die leuchtenden Farben, die er für Himmel und Landschaft verwendete, bleiben in Erinnerung. Denn, wie Osthaus 1905 über Rohlfs schrieb: „Seine Malerei ist Musik der Farben.“

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