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Choreograph vernetzt Künstler : In diplomatischer Tanzmission

Ausgebildet in Turin, Pendler nach Trier: Raffaele Irace an der Frakenallee im Frankfurter Gallus Bild: Lando Hass

Der Choreograph Raffaele Irace vernetzt mit seinem Tanzfestival „Solocoreografico“ freie Künstler am Gallus-Theater in Frankfurt. Wie so vieles in seiner Karriere ist auch diese Aufgabe aus Zufall und Kontakten entstanden.

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          „Dance versus Corona“ heißt die Reihe kurzer, zuweilen ultrakurzer Tanzvideos, die bald nach Beginn des Lockdowns entstanden sind. Die vielen in Frankfurt und Umgebung ansässigen internationalen Tänzer jedenfalls sehen nicht so aus, als ließen sie sich von Corona unterkriegen. Auch wenn viele ihre aktuellen Jobs verloren haben und im Ungewissen leben. Zwanzig Videos sind unter dem Hashtag #dancevscorona inzwischen auf Facebook und dem Video-Kanal des Gallus-Theaters zu finden. Unterschiedliche Sichtweisen auf eine nie dagewesene Lage. Das Gallus-Theater hat den Künstlern, die als ihre eigenen Filmemacher die kleinen Clips gestaltet haben, auch eine sehr bescheidene Gage gezahlt – umsonst soll die Kunst im Netz zumindest nicht für ihre Schöpfer sein.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine kleine Geste, aber eine mit Signalwirkung, verbunden mit der Bitte um Spenden für das Theater: Längst gehen die Videos weiter. Jetzt auch für Sänger, Puppenspieler, Theatermacher und Musiker – die ganze Bandbreite dessen, was das Theater in den Frankfurter Adlerwerken beherbergt. Die bunte Mischung ist ein Markenzeichen des Hauses, das als Mischung aus Soziokultur und Heimat freier Künstler begonnen hat.

          Koordiniert hat die Reihe „dancevscorona“ Raffaele Irace. Videos waren für ihn schon vor Corona ein wichtiges Medium. Ein Steckenpferd, aus dem ein berufliches Standbein geworden ist: Seit er 2015 nach Frankfurt kam, um als Assistent und Koordinator des Choreographen Jacopo Godani bei der Dresden Frankfurt Dance Company zu arbeiten, hat er dort die Trailer der neuen Tanzstücke verantwortet und auch viele der Fotos gemacht.

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          Aber Assistent zu sein, das sei ein 24-Stunden-Job, sagt Irace: „Und ich bin jemand, der sehr unruhig ist. Ich habe viele Ideen, die ich gerne entwickeln möchte.“ Mittlerweile macht er Godanis Videos als Freelancer, bleibt der Compagnie aber weiterhin verbunden. Beruflich jedoch ist er ein paar Straßen weiter gezogen, von der Schmidtstraße, wo Godanis Truppe gleich neben dem Frankfurt Lab arbeitet, ins Gallus-Theater. Als Kurator und Programmverantwortlicher kümmert sich Irace, Mitte 40, dort seit einem guten Jahr um Tanz und Performance. Wie so vieles in seiner Karriere ist auch diese Aufgabe aus Zufall und Netzwerken entstanden. „Wenn du die Chance hast, etwas zu geben, musst du sie ergreifen“, ist sein Motto.

          Ein Festival auf Augenhöhe

          So hat er als junger Tänzer, ausgebildet in Turin, einen Abstecher an Maurice Béjarts Schule Mudra gemacht, hat nach Stationen in Koblenz, Kassel und Braunschweig am Gärtnerplatztheater in München getanzt und später als Freelancer hier und da. 2003 lernte er Godani bei einem Projekt in Italien kennen, eine Verbindung, die ihn schließlich nach Frankfurt brachte. Seither pendelt er in Deutschland, seine Freundin tanzt in Trier. Das Angebot des Gallus-Theaters kam, nachdem Irace einen Import aus seiner Heimat Turin dorthin gebracht hatte: das Festival „Solocoreografico“ für Tanzsoli. 2014 hat Irace es in Turin gegründet. Es sei ein Festival „auf Augenhöhe“, sagt er. Diese Stimmung gebe es auch im Gallus-Theater. Dort gastierte das Festival erstmals 2018, mittlerweile hat es Verbindungen nach Lyon, Berlin und Ankara. In diesem Jahr hätte das Tanzfestival in Oklahoma Teil des Netzwerks werden sollen. Corona hat die Pläne durchkreuzt.

          Umso intensiver kann Irace sich jetzt dem dreitägigen Festival in Frankfurt widmen. Schon vor Corona hätten viele Tänzer Videos für sich entdeckt, sagt er. Am 8. Oktober ist Tanzfilmen ein ganzer Abend gewidmet, am 9. und 10. Oktober zeigen internationale Künstler ihre Arbeiten auf der Bühne. Danach will Irace sich weiter dem Austausch von Praxis und Wissen am Gallus-Theater widmen. Wenn man will, eine diplomatische Mission. Noch kennt er nicht alle Orte und Protagonisten der Stadt, er sieht die junge, dynamische Szene von Künstlern und weiß, dass es verschiedene Tanz-Communities gibt.

          Irace: „Wir müssen zusammen paddeln, um voranzukommen“

          Die Sorgen der Freelancer zwischen finanziellen Nöten, dem Anspruch an die eigene Qualität und Hindernissen bei der Suche nach Raum und Zeit für die Arbeit kennt er aus eigener Erfahrung. Mit „Corpi“ hat er sich in Turin in einem Verein engagiert, der ähnlich arbeitet wie „ID Frankfurt“, der hiesige Verein der freien Szene. Irace hat sich vorgenommen, am Gallus-Theater auch als Ansprechpartner für den freien Tanz zu arbeiten. Künstler arbeiteten oft allein oder als Paare: „Wir müssen zusammen paddeln, um voranzukommen“, sagt er.

          Dass das geht, hat er in Turin ausprobiert. 2008 hat er seine Very Secret Dance Company gegründet. Er weiß, wie es ist, als Alleinunternehmer ohne Geld eine freie Compagnie zu managen und zu choreographieren. Seine Umtriebigkeit mündete in das Solo-Festival, dessen finanzielle Existenz immer wieder auf der Kippe stand. Irace selbst schulterte die Defizite. Nun ist für Turin ein Stiftungsmodell gefunden, doch sicher ist der Hafen nicht: „Ich kämpfe weiter für das Festival“, sagt er. Soeben ist er zu einem der sechs beigeordneten künstlerischen Leiter des Odyssey Dance Theatre in Singapur ernannt worden – erst einmal wird er diese Aufgabe coronabedingt von Frankfurt aus erfüllen. Am wichtigsten sei es, sagt Irace, dass der Tanz wieder in den Raum komme.

          SOLOCOREOGRAFICO findet vom 8. bis 10. Oktober im Frankfurter Gallus-Theater statt.

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