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Chinesische Kunst in Darmstadt : Wie aus deutscher Romantik Science Fiction wird

Das also ist aus den Märschen geworden: Yifan Li, Bildforschung. Rosa (2016), Ein-Kanal-Videoinstallation. Bild: Hochschule der Künste Sichuan

Der Westen ist dem Osten keineswegs fremd. Das zeigen nun die Arbeiten aus dem chinesischen Sichuan in der Kunsthalle Darmstadt.

          3 Min.

          Wenn das Mao hätte erleben müssen. Immerhin gab es die traditionsreiche Hochschule der Künste Sichuan schon zu einer Zeit, als von einem chinesischen Kapitalismus noch keine Rede sein konnte. Die Akademie hat selbst die Kulturrevolution überlebt, die in der Megacity Chongqing gelegene Fakultät gilt mit ihren rund 7000 Studenten als eine der größten und fraglos bedeutendsten Kunstschulen des Landes. Doch angesichts des von Li Yifan in farbstichiges Rosa getauchten Videos „Bildforschung: Rosa“ würde sich der Gründer der Volksrepublik wohl ein-, zweimal im Grab umdrehen. Denn nicht nur, dass der Künstler hier den heldenhaften Aufmarsch durch digitale Eingriffe als spielerische Choreografie begreift.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die von Liebe, Glück und lieblicher Landschaft statt von Revolution sprechende Musik, zu der sich hier die Fahnenträger minutenlang von hier nach dort und wieder zurück bewegen, steht für eine Kultur, wie sie der lange Marsch der Kommunisten ein für allemal zu überwinden hoffte. Freilich ist eine solche Arbeit, wie sie nun im Rahmen der „Zoom-In Chongqing, Malerei und Video an der Hochschule der Künste Sichuan“ überschriebenen Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt zu entdecken ist, eher die Ausnahme unter den rund 50 Positionen. Weniger, weil gesellschaftliche und im engeren Sinne politische Themen sich in der aktuellen Kunst nicht widerspiegelten. Oder weil sich mit der von Kunsthallendirektor León Krempel, Gao Yi und Jia Ning kuratierten Schau ausschließlich Professoren, Absolventen und aktuelle Schüler der Malerei in der Kunsthalle vorstellen.

          Konventionell und brav

          Themen, Genres, Materialien aber erscheinen dem westlichen Betrachter auf den ersten Blick doch reichlich konventionell und die vorwiegend figurative Malerei als solche vor allem reichlich brav. Konzeptuelle, medienübergreifende Positionen etwa sind auch unter den jungen Künstlern kaum zu finden. Und doch erscheint ein solcher, ein wenig eilfertig geäußerter Befund des Konservatismus auf den zweiten Blick nicht mal als die halbe Wahrheit. Das fängt schon mit der Technik an, spart doch die Ausstellung die traditionelle Tuschemalerei als eigenständiges, strengen Regeln gehorchendes Medium gänzlich aus. Vielmehr dominiert selbst bei klassischen Sujets wie der Landschaft die als westlich angesehene Ölmalerei.

          Und wenn Jinsong Yang für sein „Südchinesisches Meer“ zwar einen zeichnerischen Duktus beibehält, doch monochrom in Öl auf Leinwand malt, wenn Zhao Qing auf „Berge – Reise“ ein vom Staudammbau gezeichnetes Panorama zeigt oder Chen Weimin ein ödes Gleisfeld euphemistisch „Landschaft“ nennt, dann darf man das durchaus politisch nennen. „Chinesisch“ ist daran vor allem der Kontext. Überhaupt lässt sich anhand zahlreicher Gemälde wie Hai Zhus Science-fiction-Paraphrase auf Caspar David Friedrich, von Arbeiten wie Dan Luos „Regenbogen“ oder Xindi Wangs „Noch einmal Nr.7“ schlechterdings nicht übersehen, dass der westliche Malereidiskurs und die Kunstgeschichte der Moderne den jungen Künstlern keineswegs fremd sind.

          Offene Referenzen bei jungen Künstlern

          Ob Narratives, Pop oder geometrische Abstraktion, ob Konstruktivismus, Romantik oder chinesische Landschaftsmalerei – vor allem bei den jungen Künstlern liegen die Reverenzen immer wieder frappierend offen. Den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen denn auch jene Werke, deren Bezüge ganz selbstverständlich in unterschiedliche Richtungen weisen wie Zhou Jies „-? #3“, Peng Gus die Materialität des Bildes selbst zum Thema machendes „Schneiden“ oder Li Qings im vergangenen Jahr entstandenes „Tagebuch“. Eine Serie von 36 Gemälden in identischen, durchweg quadratischen Formaten, die zwar vorwiegend das klassische Landschaftsthema variieren.

          Doch wiewohl Li Qing seine Motive vornehmlich aus Medienbildern generiert, wiewohl auch seine Leinwände inhaltlich das China der Gegenwart mit seinen ökologischen Verwerfungen zu reflektieren scheinen, ist man versucht, in der umfangreichen Folge wenigstens auch ein Buch der malerischen Mittel und der Möglichkeiten aller Malerei zu sehen. Mal lichtdurchflutet, mal beinahe romantisch angehaucht, hier pastos, dort gestisch, und dann wieder nahezu abstrakt. Revolutionär wird man derlei womöglich nicht gleich nennen. Neugierig aber macht Li Qings Journal den Betrachter allemal.

          Die Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1, ist bis 1. Oktober dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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